Kultur : Übersehene Schönheit

SUSANNE GRIESHABER

Tony Cragg in der neueröffneten Galerie Seitz - von WerderVON SUSANNE GRIESHABER"Die Phantasie enthebt die Gegenstände ihrer Begrenzung und ihres Funktionszusammenhangs und führt sie in einen Bereich neuer, zweckloser Qualität." Dieser Satz stammt von dem englischen Künstler Tony Cragg und charakterisiert ein Werk, das seit Jahrzehnten in Museen und Galerien rund um den Globus zu finden ist.Auf der letzten Biennale in Venedig war er - wieder einmal - mit einer großformatigen Arbeit vertreten.Berlin allerdings scheint den in Wuppertal lebenden Künstler lange vergessen zu haben.Seine Werke waren zuletzt 1982 in einer Ausstellung der Neuen Nationalgalerie zum Thema "Kunst und Material" zu sehen.Die Galeristinnen Uli Seitz und Gitta von Werder beheben nun dieses Manko.Sie zeigen in ihrer ersten Ausstellung Terrakotten und Radierungen von Tony Cragg.Die beiden Kunsthistorikerinnen haben langjährige Erfahrungen im Kunsthandel gesammelt: Uli Seitz war für die Galerie Wolfgang Werner tätig, Gitta von Werder hatte in der Galerie Springer eine leitende Funktion inne.Der Wunsch, eine eigene Galerie zu gründen, schwelte schon lange in ihren Köpfen.Drei Terrakotta-Plastiken aus den letzten Jahren sind auf die beiden Ausstellungsräume verteilt.Sie sind beispielhaft für Craggs Schaffen, das Mitte der 80er Jahre eine entscheidende Wendung erfahren hat.Bekannt wurde der naturwissenschaftlich ausgebildete Brite in den 70ern mit Skulpturen und Reliefs aus Plastikbruchstücken, die er wie ein Puzzle zusammensetzte.Indem Cragg diesen an Stränden und auf der Straße aufgelesenen Wohlstandsmüll dem Wegwerf-Kreislauf entzog und zu Kunstobjekten umarbeitete, wollte er den Dingen eine neue Qualität geben - Marcel Duchamp und Josef Beuys standen Pate.Tony Craggs Ästhetik ist jedoch auch von dem Bewußtsein geprägt, daß Wissenschaft und Technologie nicht nur unsere Erfahrung und Auffassung von der Realität bestimmen, sondern auch die physische Welt selbst permanent verändern und umformen.Die Wandelbarkeit alles Gesehenen blieb auch dann Craggs Thema, als er begann, selbst Objekte anzufertigen und die gefundene Gegenstände nur noch als Vorlage zu benutzen.Eine Vielzahl neuer thematischer und formaler Ansätze eröffnete sich.Eine Arbeit wie "Blowing Field" von 1997 (80 000 DM), die aus vier schlauchartig in die Länge gezwirbelten Vasen besteht, sieht aus, als hätte eine unbekannte Kraft diese Verformung bewirkt.Sie will ein Beispiel dafür sein, wie viele Formen in einem schlichten Gebrauchsgegenstand stecken können.In "o.T" (40 000 DM), einem Ensemble aus fünf überdimensionierten Stempelformen, legt die Vergrößerung und die Wiedergabe in artfremdem Material eine Schönheit frei, die übersehen wird, wenn die Dinge, wie gewöhnlich, ausschließlich unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachtet werden.Tony Cragg hat sie durch seine Metamorphose funktionslos gemacht und damit gleichsam aus der Zeit genommen. Galerie Seitz - von Werder, Wielandstraße 34, bis 13.Juni; Montag-Freitag 11-18 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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