Übersetzung : Alchemie und Anarchie

Das deutsch-französische Literaturmagazin "La Mer Gelée" hat seinen Sitz in Berlin. Chefredakteur Alban Lefranc über die Kunst der Übersetzung.

Kolja Reichert

Wer Georges Bataille liebt, den Wegbereiter von Poststrukturalismus und Dekonstruktion, muss auch das Übersetzen mögen. Die Übertragung in eine andere Sprache: der Übergang von einem Aggregatzustand in den nächsten. Fixierter Sinn kommt ins Fließen, Selbstverständlichkeiten wanken, Risse tun sich auf. Verschiebungen sind unvermeidlich. „Es geht um Alchemie“, sagt Alban Lefranc.

Lefranc ist französischer Nachwuchsschriftsteller mit einer Wohnung in Berlin. Seit sieben Jahren gibt der Bataille-Fan ein Magazin heraus, das sich der Übersetzung literarischer Texte widmet. „La Mer Gelée“ begann als Onlineprojekt eines kleinen Kreises junger Autoren und Übersetzer, seit 2004 erscheint es gedruckt. Die aktuelle, fünfte Ausgabe zum Thema „Marges / Randgänge“ kommt optisch elegant und mit beeindruckender Autorenliste daher: Neben den französischen Beiträgen finden sich unveröffentlichte Texte von Ann Cotten bis Elfriede Jelinek, außerdem ein Auszug aus Andreas Veiels Doku-Theaterstück „Der Kick“. Immer stehen sich deutsche und französische Version gegenüber.

Das klingt zunächst nach einem Projekt für die immer größere französische Leserschaft in Berlin, nach Vorbild von „La Gazette“; jedenfalls nach interkulturellem Austausch. Doch greift das zu kurz. Den Machern geht es generell um Übergänge – nicht nur zwischen Sprachen, auch zwischen Kunstformen. „schreiben, übersetzen, gestalten, tier werden“, ist der aktuellen Ausgabe als Motto vorangestellt. Die Situationisten stehen Pate. So spielt auch Illustration in den Heften eine wichtige Rolle, und mit Literatur- und Filmveranstaltungen an ungewöhnlichen Orten versucht man die Sprengung überkommener Erwartungshaltungen. Der Titel „La Mer Gelée“ entstammt der Forderung Kafkas, ein Buch müsse „die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. „Unser Zielpublikum“ – Alban Lefranc grinst tückisch – „sind Leute, die auch gerne eine Axt auf den Kopf bekommen.“

Das ist nur zur Hälfte ein Scherz. Es verdient Anerkennung, dass hier tatsächlich ein avantgardistischer Ansatz verfolgt wird. Die Texte der aktuellen Ausgabe sind fast durchweg formal spannend, lyrische Töne überwiegen vor dem Erzählerischen. Grenzen werden ausgelotet, auch geschmackliche, wie in Jean- François Magres Geschichte „Rent-rons, Damien“ über einen Vater, der erst vor den Augen des Sohnes zu sexueller Erregung fähig wird. Wie werden die Texte ausgewählt? „Ein guter Text sprengt alle Regeln“, entgegnet Lefranc.

Als wäre er nur mit Mühe auf dem Stuhl zu halten, ist Alban Lefrancs Körper während des Gesprächs ständig in Bewegung. Stillstand und Fixierung sind dem 32-Jährigen zuwider, der zwischen Paris und Berlin pendelt und französische Romane über deutsche Themen schreibt. Nach Fassbinder und der RAF widmet er sich zur Zeit der deutschen Musikerin Nico, die 1967 auf dem ersten Velvet-Underground-Album sang. Es ist der letzte Teil einer Trilogie fiktiver Biografien, die sich historischen Materials bedient, ohne sich dran zu halten. „Die Wirklichkeit ist falsch genug“, erklärt Lefranc den Reiz realer Vorlagen. Der Blumenbar-Verlag wird das Buch auf Deutsch herausbringen, die Übertragung besorgt die 26-jährige Übersetzerin Katja Roloff, die auch zum festen Kreis der Zeitschrift gehört.

Nicht alle Übersetzer, die in La Mer Gelée veröffentlichen, sind Professionelle. Das Magazin ist ein Experimentierfeld, die gemeinsame Arbeit so wichtig wie das Ergebnis. Das Kollektiv der beteiligten Autoren, Übersetzer und Grafiker bestimmt die sich ständig wandelnde Form. Bald werden mit Englisch und Portugiesisch auch weitere Sprachen hinzukommen. „Die Identität steht nicht fest“, so Lefranc.

Nach drei Jahren Berlin will Alban Lefranc bald wieder eine Wohnung in Paris mieten. Er vermisst die Stadt. „In Berlin triffst du im Café nur Leute aus deinem eigenen Milieu. In einer Pariser Bar begegnest du einem Querschnitt durch die ganze Gesellschaft.“ Der Mann braucht Konfrontation.

www.lamergelee.com

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