Kultur : Übertreiben ist alles

Vom Verfertigen der Literatur beim Abendbrot: Eva Menasses grotesker Familienroman „Vienna“

Meike Fessmann

Adolf „Dolly“ Königsberger, die skurrilste Figur dieses mit menschlichen Originalen reich gesegneten Romans, hegt eine Leidenschaft für Redewendungen und Fremdwörter. Dollys Gedächtnis allerdings ist miserabel. Und so schießen seine Weisheiten immer am Ziel vorbei – und treffen doch ins Schwarze. „Pater semper imperfectus“, schöner lässt sich der Gründungsmythos des Patriarchats kaum parodieren, und auch die selbst gebastelte Übersetzung ist an Komik nur schwer zu überbieten: „der Mensch lernt nie aus“. Solche Treffer kann man nicht erfinden. Glücklich der Schriftsteller, der einen Fundus familiärer Anekdoten zur Verfügung hat. So kann Eva Menasse mit Witz und Charme ihr Projekt verfolgen, das im „klassischen Königsbee“, wie die grotesken Sprachschnitzer des Onkels der Erzählerin im Familienjargon heißen, gleichsam in nuce eingefangen ist. Der Sturz des Patriarchats durch die ihm eigene Komik: So könnte man das Unternehmen nennen, das Menasse mit ihrem ersten Roman „Vienna“ bravourös, doch nicht ohne Risiko, startet.

Die 1970 geborene Kulturkorrespondentin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist die sehr viel jüngere Schwester des bekannten Autors Robert Menasse. Hans Menasse, der Vater der beiden, war in den Fünfzigerjahren Stürmer der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft. Wer in einer solchen Konstellation an den Start geht, der mag sich vielleicht manchmal wünschen, keiner möge darüber sprechen, verhindern kann er es nicht. Zumal der Roman, dessen Titel „Vienna“ auf den ersten Wiener Fußballverein des Vaters anspielt, erkennen lässt, dass seine Autorin die beiden Familienheroen nicht bekämpfen, aber durch weibliche Raffinesse überbieten will. „Vienna“ ist ein sympathisches Buch, voller liebenswerter Anekdoten, geprägt von einer starken Intelligenz in Bezug auf menschliche Eigenschaften und Verhaltensformen. Geprägt aber auch von einer deutlichen Absetzbewegung. Die Intellektualität und Theatralität des großen Bruders versucht Eva Menasse unter allen Umständen zu vermeiden. Der Stoff hat Vorrang vor der Konstruktion, die weibliche Erzählerfigur bleibt im Hintergrund.

So beginnt dieser Roman nicht mit der Geburt des Erzählers, wie es die großen Roman-Theatraliker seit Laurence Sterne lieben, sondern mit der Geburt des Vaters, die bezeichnenderweise eine „Sturzgeburt“ ist. Das ist grandios erzählt, denn die Großmutter, eine leidenschaftliche Bridge-Spielerin, erreicht das heimische Ehebett mit Müh und Not, um, noch im schwarzen Persianer-Mantel, den letzt- und spätgeborenen Sohn zur Welt zu bringen. Das Bild, das sie ihrem erschrockenen Mann bietet, ist von grotesker Faszination: „Ein Wesen, halb schwarzes Schaf, halb Mensch, hatte geboren.“ „Du hast mir dieses Kind angehängt“, schreit die Großmutter ihren Mann an, „im Kasten neben der Tür!“

Damit ist der Roman auf seinen Ton gestimmt: humorvoll, mit dem Hang zur Groteske. Im Zweifelsfall gibt man in dieser Familie, die trotz Verfremdung Ähnlichkeit mit der Familie Menasse hat, „der Pointe immer den Vorzug vor der Geschmackssicherheit“. Die Stärke und die Schwäche des Romans liegen in seinem Verhältnis zum Anekdotischen. Dabei besticht die Souveränität, mit der Eva Menasse auf den roten Faden der Chronologie verzichtet. Alles wirkt plastisch und gegenwärtig, und dennoch wird die Kluft zwischen den Generationen, der Wandel der Zeiten kenntlich. Weil diese Familie ein sprachbegabtes Völkchen ist, in dem sich jüdische, christliche, sudetendeutsche und österreichische Traditionen mischen, wird der Leser bestens unterhalten. Bei aller Bewunderung aber für den Witz und das Erzähltalent der Autorin, schleicht sich mit der Zeit Ermüdung ein. Im Lauf des Romans fühlt sich der Leser wie ein Außenstehender, der zufällig in ein Familientreffen geraten ist. Er weiß nun, wie drollig der Gatte der Tante Gustl ist, er kennt die Schrulligkeiten des Großelternpaars, die Vornehmheit des Onkels, die Harmoniesucht des Vaters und den Widerwillen des „Johnny ohne“ rauchenden lockigen Bruders gegen die „Glaubens-“ und „Ankedotengrundsätze“ der Familie. Und deshalb findet er sich unversehens auf dessen Seite wieder. Am liebsten würde man mit der Faust auf den imaginären Tisch schlagen und ausrufen: Kann man in dieser Familie nicht endlich mal etwas zu Ende diskutieren!

Und siehe da: Man wird erhört! Im letzten Teil des Romans versammelt sich die jüngere Generation zu einem von der Ich-Erzählerin initiierten Treffen. Und dieses Mal geht es ans Eingemachte. Der lange schwelende, vom Bruder während seiner jüdischen Selbstfindungsphase in die Familie hineingetragene Konflikt um die matrilineare Abstammungsregel des Judentums kommt zum Ausbruch. Weil der Vater niemals sicher ist – „pater semper incertus“ heißt der von Dolly verdrehte Satz bekanntermaßen korrekt –, kam man im eigentlich streng patriarchal organisierten Judentum auf die Idee, die Religionszugehörigkeit über die Mutter zu regeln. An diesem Widerspruch beißen sich die Interpreten bis heute die Zähne aus. Für die Nachkommen der Holocaust-Generation kann das zu der paradoxen Situation führen, dass zwar ihre Eltern oder Großeltern von den Nazis als Juden verfolgt wurden, dass sie aber nach den strengen Regeln der Halacha nicht als Juden gelten. Nämlich dann, wenn die Mutter keine Jüdin ist. „Only a quarter Jew“ muss sich der Bruder in Kanada einmal nennen lassen. Dieser Konflikt kommt am Ende innerhalb der Familie zum Ausbruch und führt zum Eklat. „Und so muss es hier eben zu Ende gehen, mit meiner lustigen Familie.“

Zum Glück sollen sich Bruder und Schwester Menasse, im Gegensatz zu ihren fiktiven Alter Egos, nach wie vor gut verstehen. Dabei weiß Eva Menasse offenbar um die Nachteile ihrer Erzählweise: „Dass zur Schaffung geistiger Meisterwerke ein gewisses Maß an Irrsinn, an Selbstüberhöhung und Minderwertigkeitskomplex, an Pose, Übertreibung und Verzweiflung gehört, wer würde das ernstlich bestreiten? Und wer wüsste das besser als gerade ich, die Zuschauerin, die ich ja immer nur war, die perfekte Erbin der Frieda-Oma, alles nachgezählt und nachgeprüft, aber kein Gramm Inspiration?“ Aber das ist zu viel der vorbeugenden Selbstkritik. Es steckt schon eine Menge Inspiration in „Vienna“, eine große Menschenkenntnis auch und eine beeindruckende erzählerische Potenz. Ein politischer Kopf ist Eva Menassse ohnehin. Im Jahr 2000 erschien ihr Buch über den Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving. Trotzdem hofft man, sie und alle kleinen und großen Schwestern der jüdischen und nicht-jüdischen Übertreibungskünstler (ebenfalls bei Kiepenheuer & Witsch publiziert das Geschwisterpaar Maxim Biller und Elena Lappin) hätten den Mut, vom matrilinearen Trick der halachischen Abstammungsvorschrift zu lernen: Man braucht sie, und deshalb schadet es nicht, wenn sie ein bisschen mehr auf der Gestaltungstrommel lärmen. Eine starke Erzählerfigur, die die Fäden des Romans straff in der Hand hält: Das hätte „Vienna“ gut getan. Die Anekdoten bleiben ja trotzdem schön.

Eva Menasse: Vienna. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 428 S., 19,90 €.

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