Kultur : Überwachen und Schlafen

Reise ins Innere des Körpers: Die Hamburger Kunsthalle präsentiert die palästinensische Künstlerin Mona Hatoum

Christina Tilmann

Im Lichthof der Hamburger Kunsthalle dreht sich ein Messer durch ein rundes Sandbett, zieht – mit der gezackten Seite – Linien und wischt sie mit der nächsten Drehung wieder glatt. Ein meditatives Spiel der Gegensätze, faszinierend wie das immergleiche Spiel der Wellen. Plus oder Minus, Ying oder Yang: Mona Hatoums Skulptur „+ und –“ wirkt auf den ersten Blick geradezu zeitlos schön. Auf den zweiten Blick, darauf weist Kurator Christoph Heinrich hin, sieht das ganz anders aus. Die scharfe Schneide, die das Sandbett aufwühlt, verletzt, verwüstet es auch. Und die andere Seite, die es wieder glatt streicht, nivelliert jede Struktur. Schneiden, verletzen, zerstören sind Grundelemente in Mona Hatoums Werk. Harmlos, zeitlos schön ist hier gar nichts.

Höchstens zu offensichtlich, zu eingängig. Die bis 1987 als Performance-, seitdem als Installationskünstlerin arbeitende Mona Hatoum ist eine Meisterin darin, verblüffende Bilder zu finden. Solche, die man auf den ersten Blick erfasst, und die danach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die große Retrospektive, die die Hamburger Kunsthalle der inzwischen international gefeierten Künstlerin gemeinsam mit dem Kunstmuseum Bonn und der Stockholmer Kunsthalle ausrichtet, versammelt einige der bekanntesten: den Rollstuhl, dessen Griffe aus Klingen bestehen, die Schaukel, deren Sitz messerscharf geschliffen ist, die Krücken aus Wachs, die in der Sonne dahinschmelzen, das Kinderbett, dessen Lattenrost aus Drähten besteht, die auf Menschengröße aufgeblasene Gemüsereibe, die wie ein orientalischer Gitterzaun im Raum steht, oder die Fußmatte, deren Schriftzug „Welcome“ aus Nägeln besteht.

Es sind häufig häusliche Objekte, harmlose Gegenstände aus dem Alltagsbereich, die sich plötzlich als Waffen erweisen. Auf die Spitze getrieben ist das in „Homebound“, der Arbeit, die Hatoum auf der letzten Documenta präsentierte: ein Raum voller Haushaltsgegenstände, die in unregelmäßigen Abständen unter Strom gesetzt werden. Eine Reflektion über die Rolle der Frau im Haus, zugespitzt noch dadurch, dass der Raum – zum Schutz des Besuchers – durch einen Metallzaun abgesperrt ist. Was im kühlen, fensterlosen Ungers-Bau der Hamburger Kunsthalle übrigens noch gefängnisähnlicher wirkt als im Kasseler Fridericianum, wo immerhin noch freundliches Sonnenlicht durch die Fenster schien.

Gefängnisse, Überwachung, Strafen sind häufige Themen. Michel Foucault hätte seine Freude an den Anordnungen. Die 1952 im Libanon geborene Tochter palästinensischer Eltern, die 1975 nach einem England-Besuch nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnte und seitdem in London lebt, beschäftigt sich meist mit dem Körper und seinen Beschränkungen. „Cage-à-deux“ von 2002 ist ein Vogelkäfig auf menschliche Dimension aufgeblasen. Guantanamo kommt in den Sinn, die von allen Seiten einsehbaren Käfige, in denen die Amerikaner Taliban-Sympathisanten gefangen halten. In „Quarters“ von 1996 sind vier Gefängnisstockbetten kreuzweise gegeneinander gestellt: ein an Mondrian erinnerndes Spiel mit rechten Winkeln. Müsste man diese Betten benutzen, wäre das ziemlich ungemütlich, wie ein Schnappschuss aus dem „Eastern State Penitentiary“ zeigt, wo Hatoum das Vorbild für die Betten fand.

Ästhetisch reizvoller ist eine andere Arbeit, die ebenfalls mit dem Motiv Käfig spielt. In „Light Sentence“ von 1992 bilden hühnerkäfiggroße, übereinander gestapelte Quader – Modell standen die Schließfächer, in die Fabrikarbeiter ihre Sachen einschließen – einen U-förmigen Ring, in dessen Mitte eine einzelne Glühbirne im Vierminutentakt auf und nieder fährt. An den umliegenden Wänden entsteht ein Spiel von Licht und Schatten: Feine Gittermuster bewegen sich die Wände hoch, der Raum beginnt sich zu drehen. Beunruhigender noch ein Teppich aus schimmernden Glasmurmeln, der jeden, der ihn betritt, ins Stolpern bringen würde. Oder, auf einem Bett aus duftenden libanesischen Seifenstücken, ein mit roten Perlen eingeprägtes Modell der palästinensischen Wohngebiete in Israel nach Vorgabe des Osloer Vertrags – Blutstropfen, tätowierte Haut, jede Assoziation birgt gefährliche Stolperfallen.

Schönheit und die Gefahr, die ihr innewohnt, ist der Grundgedanke bei Hatoum. Und die Verletzlichkeit des Körpers.Viele ihrer Arbeiten missachten die Körpergrenzen, begeben sich ins Innere und kehren es nach außen. Am makabersten vielleicht bei „Deep Throat“: ein weiß gedeckter Tisch, darauf Teller, Messer, Gabel, Glas – und auf dem Teller erscheint als Videoprojektion eine Endoskopie. Die Kamera fährt durch Kehle, Magen, Darm der Künstlerin: sie tischt sich selbst auf. Eine Reise ins Innere des Körpers, die sich ähnlich auch in der Biennale-Arbeit „Corps étranger“ von 1994 wiederfindet.

In der jüngsten Arbeit „Lookout“, als Auftrag für die Hamburger Retrospektive entstanden, kehrt der Blick sich schließlich nach außen. Drei Überwachungskameras beobachten vom Dach der Kunsthalle aus den Platz vor dem Hauptbahnhof – die Filme werden in das Innere des großen Kuppelsaals projiziert. Es entsteht ein Triptychon, das in Realzeit jede Wolke, jeden Passanten, jeden Lichtwechsel zeigt, und, je nach Verkehrslage, überlagert ist vom Rattern der Eisenbahnen oder dem Dröhnen des Verkehrs. Man löst sich schwer aus diesem Raum, der seinen eigenen Sog entwickelt. Das Anliegen jedoch ist ernst: Mona Hatoum bezieht sich mit „Lookout“ auf die Sicherheitsüberwachung öffentlicher Plätze, die auch in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend diskutiert wird. In Großbritannien, wo Hatoum lebt, ist Videoüberwachung längst Normalität. Keiner weiß, was mit den so entstandenen Filmen wirklich geschieht. Bei der Hamburger Arbeit werden die Filme nach Übertragung sofort vernichtet, betont die Künstlerin. Dennoch wird man, mit dem Wissen um die Existenz von „Lookout“, nicht mehr so entspannt bei Rot über die Straße gehen.

Hamburger Kunsthalle, bis 31. Mai. Katalog (Hatje Cantz Verlag) 19 Euro

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