Kultur : Überwachung ist alles

„Landsitz Paradies“: Doku-Theater mit brasilianischen Polizisten in Berlin

Christine Wahl

Es sieht äußerst sportiv aus, wenn Inês mit ihren knallroten Strumpfhosen unter den hippen Karo-Caprishorts in die Knie geht. So, erzählt die jugendliche Blonde bestens gelaunt, ringe sie Delinquentinnen jede noch so raffiniert in Körperöffnungen versteckte Kleinstwaffe oder Droge ab.

Inês ist Militärpolizistin in Sao Paulo. Zumindest von Montag bis Freitag. Am Wochenende kann man sie als Stilberaterin in Modefragen buchen. Der Nebenjob bringe ungefähr das Zehnfache ein, berichtet Inês – und zwar bei einem Zehntel an Arbeitszeitaufkommen. Zwischen 300 und 400 Euro liegt das monatliche Durchschnittsgehalt eines brasilianischen Militärpolizisten. Auch, wenn das die grassierende Korruption nicht entschuldigt: Es macht sie zumindest erklärbar.

„Chácara Paraíso“ („Landsitz Paradies“), die Performance-Installation des Rimini-Protokoll-Mitglieds Stefan Kaegi und der argentinischen Theatermacherin Lola Arias, eignet sich hervorragend dazu, Vorurteile über Bord zu werfen. Gerade, wenn man den umstrittenen Berlinale-Sieger-Film „Tropa de Elite“ gesehen hat, der den Anti-Drogen-Kampf militärpolizeilicher Spezialeinheiten in Favelas zwar jenseits des politischen Korrektheitsgebots, aber eben auch nur aus einer Perspektive schildert. Im Gegensatz dazu lösen Kaegi und Arias den imagegebeutelten Apparat in lauter heterogene Einzelschicksale auf: Im Zehnminutentakt durchqueren je zehn Zuschauer die tristen Räumlichkeiten des ehemaligen Arbeitsamtes am Mehringdamm 34, um in jedem Zimmer einem anderen Militärpolizisten zu begegnen. Zum Beispiel Eliana, die den Dienst quittierte, weil sie sich von einem cholerischen Verkehrssünder um ein Haar zu einer Affekttötung hätte provozieren lassen. Oder Luis Carlos, der einen repräsentativeren Querschnitt durch brasilianische Polizeikarrieren zieht: Sein erster Kumpel aus der Ausbildungszeit wechselte zum privaten Wachdienst, wo er den Sohn seines Arbeitgebers entführte und tötete. Der zweite wurde während seiner Tätigkeit im Überfallkommando erschossen. Insofern darf sich der dritte, der als Geisel genommen und nackt auf einer Straße abgesetzt wurde, fast glücklich schätzen.

„Chácara Paraíso“ ist benannt nach dem größten Militärpolizisten-Ausbildungslager Lateinamerikas, wo so naturgetreu wie möglich die Elendsviertel des Landes simuliert werden. Hier lernen die Azubis, mit vorgehaltener Knarre genau jene Bretterverschläge zu stürmen, aus denen sie oft selbst stammen. Zwei Monate lang haben Arias und Kaegi, auch gegen Widerstände, vor Ort für das Doku-Theater-Projekt recherchiert, das im Rahmen einer vom Goethe-Institut initiierten Projektreihe mit deutschen Künstlern im Februar 2007 in Sao Paulo entstand und jetzt dank des Brasilien-Festivals im HAU in notgedrungen variierter Form auch in Berlin zu sehen ist.

Tatsächlich stand das Projekt seinerzeit bis Stunden vor der Premiere in einem Bürohochhaus auf Sao Paulos Renommiermeile, der Avenida Paulista, auf der Kippe. Sieht man von den zahlreichen institutionellen Bedenkenträgern mal ab, blieben immer noch die Polizisten selbst, die häufig nicht auf offener Bühne reden wollten. Zudem rangiert es für viele Brasilianer außerhalb jeglichen Vorstellungsvermögens, sich überhaupt freiwillig mit Polizisten in einen Raum zu begeben. Vor diesem Hintergrund kann man sich den Heftigkeitsgrad der Debatten vorstellen, die Besucher in Sao Paulo teilweise mit den Akteuren ausfochten.

Verglichen damit kann die Installation hier in Berlin nur wie eine solide, differenzierte Informationsveranstaltung wirken. Auch mussten Kaegi und Arias wegen personeller oder räumlicher Veränderungen auf etliche tolle szenische Ideen verzichten. Während man etwa in Sao Paulo zuerst einen Raum mit breiter Fensterfront im 14. Stock betrat, wo einem ein Zivilfahnder per Kopfhörer seine Berufsgeheimnisse einflüsterte und man selbst mit einem Fernglas konspirative Blicke über die nächtliche Paulista werfen konnte, gleichen sich die Dramaturgien am Mehringdamm - aus nachvollziehbaren Gründen - in allen Räumen beträchtlich. Da die Erzählungen der Polizisten live von Dolmetschern ins Deutsche übersetzt werden, transportieren die Regisseure aus Straffungs- und Dynamikgründen einen Großteil der Biografien über beschriftete Fotos an den Wänden. Die Übersetzungen dämmen zudem die Unmittelbarkeit und die Ambivalenz der Berichte ein, die Kaegi und Arias so bestechend herausgearbeitet hatten.

Dennoch: Ein unbedingt sehenswerter Abend, der nebenbei die gewaltige lokale Kraft und Verwurzelung von Theater unter Beweis stellt. Etwas Besseres kann dem Genre eigentlich gar nicht passieren.

Noch heute, Mehringdamm 34, 19 bis 20.20 und 21 bis 21.50 Uhr, Einlass alle zehn Minuten

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