Kultur : Überwiegend leidenschaftlich sterbensdüster

Potsdamer „Sehsüchte“ – das Studentenfilmfest

Lea Streisand

Eine Mondlandschaft, grau in grau. Giftige Nebelschwaden. Davor zwei Wesen, Fleisch gewordene Alpträume: Sie sind am Rumpf mit dem Tisch verwachsen, an dem sie um ihr Leben spielen. „Eierbrecher“ heißt der düstere Film von Emanuel Strixner, der beim 36. Sehsüchte Studentenfilmfestival zum besten Animationsfilm gekürt wurde.

Fünf Tage lang liefen in den Potsdamer Thalia Kinos die Projektoren heiß – die Filmhochschule „Konrad Wolf“ präsentierten 135 Filme aus 37 Ländern. „Films to die for“ hieß das Motto, und überwiegend leidenschaftlich sterbensdüster waren die prämierten Filme. Zum Beispiel die Teenagerin Izzy: Um vor ihrer Realität zu fliehen – die Mutter ist Alkoholikerin –, sammelt das Mädchen Tierbilder und fügt sie zu Collagen zusammen. „Diorama“ heißt die amerikanische Coming-of-Age-Geschichte, die zum besten Spielfilm gewählt wurde.

Auch im Fokus-Wettbewerb mit südamerikanischem Schwerpunkt dominiert die Melancholie. In Christopher Murrays prämiertem chilenischem Kurzfilm „Quedar“ löst ein Paar die gemeinsame Wohnung auf. Fast leer sind die Räume, letzte Kisten werden beschriftet, Glühbirnen gewechselt. Der Schwarzweißfilm, ein Kammerspiel im Wortsinn, setzt auf scharfe Kontraste – und viel Zeit. In langen, fast fotografisch wirkenden Einstellungen erzählt Murray von der Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses und der Subjektivität allen Wahrnehmens – und erinnert dabei stilitisch an das brasilianische Cinema Novo der fünfziger und sechziger Jahre. Dessen politischer Anspruch bleibt hier jedoch reine Vermutung.

In den Anden-Ländern, denen das Fokus-Programm gewidmet ist, haben die jungen Filmemacher durchweg mit widrigen Produktionsbedingungen zu kämpfen. Es gibt kaum Stipendien, die Künstler müssen mit kleinsten Budgets kalkulieren oder sich schon früh an Geschmackskonventionen anpassen. Künstlerisch Bemerkenswertes bleibt dann allerdings oft auf der Strecke. Solchen Stiefkindern der internationalen Filmindustrie bieten Festivals wie „Sehsüchte“ ein Forum.

Die Veranstalter des mittlerweile wichtigsten Studentenfilmfests Europas immerhin zogen ein positives Fazit – mit mehr Besuchern und, was die Sieger erfreut, höheren Preisgeldern. Die ausgelassensten Partys gibt’s in Potsdam sowieso, Augenränder inklusive – vom Feiern und vom Filmegucken.

Die Gewinnerfilme sind am Sonnabend, 19 und 21 Uhr, in der Brotfabrik zu sehen. Filme aus dem Fokus-Programm zeigt das Central an zwei Terminen im Juni: am 8. Juni um 22.15 und am 12. Juni um 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben