Uferhallen in Wedding : Kunst auf Bestellung

SculptureBerlin realisiert die Entwürfe von Künstlern. Das Geschäft läuft gut, große Namen kommen. Ein Werkstattbesuch in den Uferhallen in Wedding.

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Kunst in der Werkstatt. Das "Prosopagnostische Netz" von Bildhauer Raimund Kummer wird in Wedding hergestellt. Foto: Paul ZinkenWeitere Bilder anzeigen
Foto: Paul Zinken
15.08.2011 17:47Kunst in der Werkstatt. Das "Prosopagnostische Netz" von Bildhauer Raimund Kummer wird in Wedding hergestellt.

Raimund Kummer muss fast brüllen: „Sie bekommt nun den letzten Schliff“, ruft er gegen den Lärm an. Das ist wörtlich gemeint. In einer Garage in Wedding klettern zwei Männer mit runden Schleifgeräten auf seiner Skulptur herum. Das rosafarbene Geflecht steht auf einem improvisierten Nachbau der Bank, auf der sie ab Freitag in Hannover stehen soll. Noch ist sie mit Schlingen an der Decke befestigt, damit sie zum Transport hochgehoben werden kann. 6,32 Meter hoch, 4,20 Meter breit und 4,63 Meter tief – noch nie hat der Berliner Bildhauer Kummer eine Skulptur in dieser Größe hergestellt. Dass er das nun konnte, verdankt er SculptureBerlin. In den Uferhallen in Wedding wird Kunst auf Bestellung gefertigt.

Raimund Kummer ist begeistert. „Ich fand es toll, mitzubekommen, wie so ein Ding eine Eigendynamik entwickelt und von selbst irgendwann sagt: Jetzt bin ich langsam fertig“, sagt der 1954 geborene Bildhauer. Für ihn, der zuvor nie über die Modellebene hinausgegangen ist, war es ein ganz neuer Prozess. Noch ist die Skulptur blassrosa. Bis Donnerstag soll sie leuchten, fluoreszieren in einem dunkleren Pink, hautartig, durchscheinend. Kummer nennt die Arbeit „Prosopagnostisches Netz“, nach der Krankheit Prosopagnosie, der Unfähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen. Tatsächlich hängt die Wirkung sehr davon ab, von welchem Standpunkt aus man das Kunstwerk betrachtet. „Es ergeben sich immer ganz andere Bildassoziationen“, sagt er. Manche denken an Ganglien, an Synapsen, manche sehen sofort Ähnlichkeiten zu Matisses Gemälde „Der Tanz“. Wenn Kummer sie nun ansieht, wie sie dort in der Garage steht, sieht er: einen sich ausruhenden Schädel.

In Hemd und Stoffhose kann der Künstler zusehen, wie sein Werk von SculptureBerlin-Mitarbeitern in Blaumännern vollendet wird. Die letzten Schleifarbeiten, das Auftragen einer leuchtenden Gelschicht. Die einzelnen Arbeitsschritte hat Christian Maier geplant, ein ehemaliger Student Kummers an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. „Wir sind wie ein Handwerksbetrieb, nur dass wir Skulpturen anbieten“, erklärt Maier. Künstler wie Kummer kommen mit bestimmten Vorstellungen zu ihm und seinen Geschäftspartnern Dominik Bednarek und Quirin Bäumler.

Die Bedingungen für eine solche Kunst- Werkstatt sind in den Uferhallen ideal. Zu einer Grundfläche von 800 Quadratmetern können Maier und seine Partner flexibel zusätzliche Hallen mieten oder Teile untervermieten. Rund 50 Künstler haben in dem ehemaligen Werkstattkomplex der BVG Ateliers gemietet, in den Räumen nebenan werden gerade die Skulpturen für das Stadtschloss angefertigt.

Die Firma gibt es seit 2005, als der Künstler Andreas Hofer einen Bildhauer für ein großes Projekt suchte. Heute macht sie alles außer Werbung, von einer einzelnen Miniatur bis zu riesigen Aufträgen wie den der schwedischen Künstlerin Nathalie Djurberg, für die SculptureBerlin gerade 200 Glasskulpturen anfertigt. Es ist der bislang größte Auftrag mit mehr als einer Tonne Material. Für Katharina Grosse haben sie mal eine  20 Meter lange und 8,50 Meter hohe Arbeit realisiert. In den vergangenen zwei Monaten hatte die Firma allein 100 000 Euro Ausgaben. Je nach Auftragslage beschäftigen Maier und seine Partner bis zu 15 Leute, zur Zeit sind es zwölf. Allein sechs haben zeitweise an der Skulptur von Raimund Kummer gearbeitet.

Die Firma lebt davon, dass die meisten Künstler sich keine eigene Werkstatt leisten können. Die Auftragslage ist gut. Christian Maier hat gerade acht Wochen lang durchgearbeitet, ohne freie Wochenenden. Die Geschäftsführer haben sich ein wenig übernommen, weil es so gut lief. Alle drei haben Kunst studiert, sind eigentlich Bildhauer – wie auch fast alle Mitarbeiter, die sie beschäftigen. Die meisten angehenden Künstler brauchen einfach Geld. „Da hat es mehr Sinn, für uns zu arbeiten, als kellnern zu gehen“, sagt Maier.

Er selbst hat keine Zeit mehr, eigene Kunst zu machen. Er erledigt die Buchhaltung, macht die Kostenvoranschläge, plant und gestaltet. „Ich habe mich in die Firma reingelebt, das ist mein Ding“, sagt Maier. „Wenn wir solche Sachen machen wie jetzt für Raimund Kummer, ist man am Ende genauso stolz.“ Für Andreas Hofer haben sie fast alle Skulpturen hergestellt, auch für Katharina Grosse und John Bock arbeiten sie häufig. Wie viel die Künstler mitarbeiten, entscheiden sie selbst. „Manche fassen gar nichts an, da gibt es nur eine Zeichnung, nicht mal ein Modell“, sagt Maier. „Andere wollen alles selbst machen.“ Nathalie Djurberg etwa modellierte alle 200 Arbeiten vor, SculptureBerlin gießt diese dann nur noch ab.

Dass Raimund Kummer nun im Streifenhemd vor der Garage steht, ist eine Ausnahme. Der 56-Jährige ist einer, der gern mit anpackt. „So viel wie er hat bisher noch keiner mitgearbeitet“, sagt Maier grinsend. Vergangene Woche ging es immer hin und her: Spachteln, schleifen, spachteln, schleifen. Kummer hat einen Wettbewerb gewonnen, sein Prosopagnostisches Netz wird vor einem Versicherungsgebäude in Hannover stehen.

Kummer kam mit einem Modell, das er aus Glas geblasen hatte. Daraus entstand ein Körper, den er den Gegebenheiten des zukünftigen Standorts entsprechend nach und nach verformt hat. „Man sollte sehen, dass die Skulptur für diesen Ort gemacht ist“, erklärt er. Diese Form hat er dann in 3-D scannen und ein etwas größeres Modell anfertigen lassen, das der Realisierung etwa im Maßstab 1:10 entspricht. Die Skulptur dann aus einem Guss herzustellen, erwies sich als unmöglich. „Da sind so viele unbekannte Achsen und Linien, das wäre der absolute Wahnsinn gewesen.“ Also haben er und Maier sie virtuell zerschnitten, in kleine, jeweils zehn Zentimeter dünne Scheiben, die aus Styropor hergestellt und anschließend wie Legosteine zusammengesetzt wurden. „Ich fand das sehr faszinierend“, sagt Kummer.

Die Scheibchenphase liegt länger als ein halbes Jahr zurück. Das Styropor steckt noch immer im Modell, heute ist davon nichts mehr zu sehen, zwölf Schichten Glasfaser liegen darüber. Ein Statiker hat die nötige Menge genau ausgerechnet, teilweise musste die Figur mit Holz und Stahl verstärkt werden. Nun fehlt nur noch der Anstrich mit Gelcoat, einem Material, das sonst für Schiffe verwendet wird. „Das hat noch nie jemand in dieser Form gemacht“, sagt Christian Maier stolz. „Solche Dinge auszutüfteln, macht mir am meisten Spaß.“

Am Donnerstagabend wird die fertige Skulptur nach Hannover verabschiedet. Spät abends startet der Sondertransport mit Polizeischutz. Zum Abschied gibt es bei SculptureBerlin Würstchen und Bier, Raimund Kummer wird auch da sein. Dann ist wieder Platz für den nächsten Künstler, die nächste Skulptur.

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