Kultur : Uferlos

Stefan Hirsig in der Galerie Klosterfelde

Jens Hinrichsen

Reden wir übers Wetter. Genauer: über die klimatischen Verhältnisse in der Malerei von Stefan Hirsig. Seine Bildzeichen stehen auf Sturm, oft jedenfalls. Schwere Farbwolken und Wirbelwinde fegen über die Gemälde, rosarote Blitze zucken auf, giftgrüne Farbflüsse treten über die Ufer. Besonders das Format „Shupshup Shiny Shy (Mother Earth)“ lebt von der gezielten Überschwemmung und erinnert mit seinen Farblachen entfernt an die Gussbilder von Morris Louis. Reverenzen an weitere Heroen der US-Moderne sind ein Platzregen Pollock’scher Drippings und die wie vom Wind zerzausten Flächen Clyfford Stills. Als Epigone muss der 1966 geborene Maler jedoch nicht gelten. Hirsig ist ein Neugieriger, ein „Painter’s Painter“, der abstrakte Zeichenrepertoires geradezu verschlingt und sein Sammelsurium aus Grafikdesign, Comic, Architekturzeichnung und Abstraktem Expressionismus aufeinanderprallen lässt wie heiße auf kalte Luftschichten.

Neun stürmische Mittel- bis Großformate sind in seiner dritten Ausstellung in der Galerie Klosterfelde zu sehen. Typisch ist der Collage-Charakter der Arbeiten, obwohl Hirsig diesmal auf Materialzutaten wie Stecknadeln und Schallplatten verzichtet. Der Rekurs auf Pop- und Jazzmusik wird freilich auch durch Bildtitel wie „Boing Boing Bäng Tschak“ deutlich. Und auch die Malerei klingt nach Soul, House oder Indie-Rock. Bis zum Anschlag aufgedreht scheint der Volume-Regler im Querformat „Beetween You and Me“ – keine sanfte Beziehungsballade, sondern ein Gefecht schriller Dissonanzen mit sämtlichen Beispielen des imponierenden Formenkanons, den sich Hirsig erarbeitet hat. Die eingefügten konzentrischen Kreise würden sonst wohl an Vinylplatten erinnern, hier markieren sie eher das Epizentrum eines Seebebens im Farbmeer.

Anlass der Ausstellung ist auch die Präsentation eines Künstlerbuchs über Hirsig, das Rainer Crone und Alexandra Stosch produziert haben. Die Buchpremiere verzögert sich allerdings, zurzeit liegt nur ein Ansichtsexemplar in der Galerie aus. Die Abbildungen darin ergänzen die Bilderschau perfekt, weil viele der Arbeiten vergangener Jahre zeigen, wie Hirsig mittels Assemblagen und Skulpturen auch den Raum erobert. Das Bild ist nicht genug. „Waves - Expanding Views“ ist der profunde Begleittext überschrieben. Unter anderem weisen die Autoren auf die musiktheoretische und astrophysikalische Dimension der Arbeiten hin. Hirsig als malender Quantenphysiker? Vielleicht ist das übertrieben. Doch muss man Hirsig-Interpreten zugutehalten, dass seine Kunst verbal schwer in den Griff zu bekommen ist. Jedes Bild provoziert tausend Fragen. Und die Antworten kennt, wie in Dylans Song, wohl wieder nur der Wind. Jens Hinrichsen

Galerie Klosterfelde, Zimmerst.. 90/91; bis 5. Juli., Di–Sa 11–18 Uhr.

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