Kultur : UFO-Statuen & UNO-Statuten

Caroline Fetscher

Brecht oder die Zukunft des Rechts - an der Berliner SchaubühneCaroline Fetscher

Uniformen. Chöre. Manifeste. Das Repertoire der Diktaturen und Revolutionäre besetzt die Bühne - die Schaubühne. Vor dem Hintergrund von zehn wasserblauen UNO-Fahnen erhebt sich eine Tribüne, das Setting für ein Tribunal. Das Recht regiert, es ist transparent wasserblau wie die UNO-Farbe, so geometrisch zentriert wie das Logo der Vereinten Nationen, in dessen Fadenkreuz Welt wie Weltkarte aufgehoben sind, im dialektischen Sinn: als vereinte sind die Nationen schon bald keine mehr.

In einem ethnisch verworrenen Kaukasus-Szenario, drei Jahrzehnte von heute entfernt, leistet "Das Kontingent" seinen Dienst, bewaffnete junge Männer und Frauen des dritten Jahrtausends, trainiert, eine Weltherrschaft der Menschenrechte durchzusetzen. Angekündigt war ursprünglich ein Stück zum Bosnien-Konflikt, offenbar wurde es "ins Tschetschenische" übersetzt. Es geht ja ums Exempel, nicht um ein individuelles Land. Die Bühnensprache hier bleibt strictly Brecht, dessen "Maßnahme" dem Text Blaupause und Sprachmaß vorgibt. Als Verfasser des Stückes zeichnet "Soeren Voima", ein Autorenkollektiv, das mehrheitlich in Frankfurt am Main lebt und gerne anonym bleibt. Es ist eine Gruppe: Der Schauspieler Christian Tschirner gehört ihr an sowie die Regisseure dieser gemeinsam mit dem Frankfurter Theater am Turm produzierten Inszenierung, Tom Kühnel und Robert Schuster.

Einem Publikum erwachsener Schüler gilt das "UNO-Oratorium". Dialoge, Deklamationen, Choräle arbeiten mit klassisch moderner Verfremdung, ein strenges Remake, und an den Rändern ironisch, in einer Mischung aus Manifest-Diktion, Journalismus und Alltagsrede. Szene reiht sich an Szene wie Seite auf Seite im Lehrbuch.

Die Sache ist ernst, ihr Pathos direkt: "Das Recht ist ein steinaltes Haus. / Gebaut aus der Einsicht des Besten für alle / Beschirmt es den Mieter / Vor den Stürmen des Chaos", singen "Die Soldatin", "Der Mexikaner" und "Der Sudanese". Die Kontingent-Soldaten haben ihrer Nationalität abgeschworen, während der Ausbildung rituell und öffentlich Herkunft und Kindheit verleugnet: "So wurden wir entnationalisiert", geben sie in stoischer Feierlichkeit zu Protokoll.

Zwei Dutzend Soldaten-Darsteller, silbergrau uniformiert, namenlos, führen jene Maßnahme vor, die gegen einen der Ihren ergriffen werden mußte, um die Neutralität ihres Einsatzes nicht zu gefährden. Den "Jungen Amerikaner" (Lars Eidinger) haben sie erschossen, als er Täter strafen und Opfer schützen wollte, nach eigenem Rechtsempfinden: "Wenn Ihr, die Hüter des Rechts, das Recht brecht, dann gibt es kein Recht", erklärt er leidenschaftlich. "Mein Herz wütet, ich kann nicht länger dulden." In einer ethnisch zweigesteilten Stadt - wie das kosovarische Mitrovica oder im bosnischen Mostar - hat der Amerikaner aus dem Kontingent einer inguschetischen Frau das Überqueren einer Brücke in den für sie verbotenen Stadtteil erlaubt. Nun will er selbst mit seiner Maschinenpistole über die Brücke stürmen, um die vergangenenTaten zu rächen, die sein "Kontingent" nicht straft. Aber "das Recht" der Wahlbeobachter und neutralen Hüter wirkt als menschenblinder Codex - wie bei Brecht die Gesetze der Revolution. Wo der schauspielerische Sprachduktus der der offiziellen Information ist, der Erklärungen und Weisungen, ist das Einschießen plötzlicher Emotion des "Amerikaners" ein riskantes Unterfangen. Lars Eidinger balanciert zwischen Brecht-Ton und Ausbruch, ist stark gefordert.

Bei Brecht ist es der "Junge Genosse", der aus dem Korsett der reinen Lehre ausbricht, um deren Methodik das Impulsive entgegenzuhalten: "Dann sind die Klassiker Dreck und ich zerreiße sie, denn der Mensch, der lebendige, brüllt und sein Elend zerreißt alle Dämme der Lehre." Mit Bedauern, doch konsequent und ohne Erwägen eines Auswegs, werfen ihn die Genossen in eine Kalkgrube. Brecht und Eisler handelten sich 1930 den Zorn und den Rückzug der künstlerischen Leitung der "Neuen Musik Berlin" ein, "Die Maßnahme" gilt noch heute als Brechts stalinistischer Sündenfall, ein Agitprop-Freibrief für Gewalt.

Hier, in der Hyper-Ästhetisierung der ironisch-gläsernen Reinheit dieser Aufführung, bleibt die Spannung zwischen dem Ausbrecher und den Kontingent-Kämpfern erhalten. Im Vokabular der neuen globalen Rechtshüter leuchten Worte hervor, die zu Brechts Zeiten keinen Platz in der Revolution hatten, es sind Vokabeln der NATO und der OSZE, Worte wie "Sympathie", "Vertrauen", "Sicherheit". Auch dem Fotografen, der in Krieg und Krise schamlos seine Filme durchschießt, geben die Leute vom Kontingent schließlich freies Geleit, ohne ihn fände "das Elend" überhaupt nicht statt, sagt er. Also gibt es auch keine Spenden, also auch keine Hilfsgüter für Flüchtlinge und Hungernde. Einsicht und Vernunft regieren in den Köpfen der Neuen Menschen.

So eindeutig, wie die Chöre das kollektive, nahezu totalitär anmutende Über-Ich der Weltorganisation besingen, kann das individuelle Gewissen der Zuschauer den Saal nicht verlassen. Ist das das Internationale Recht, der Weltfriede, die Menschenrechte: eine sterile, von Individuen abstrahierende Veranstaltung im Bauhaus-Stil? Es ist kein Drama, vielmehr das Gegenteil eines Dramas, das Entsagen jeglicher Emotion, der Verzicht. Ist das die postnationale Konstellation? Und lässt sich das aushalten? Die kollektive Psyche der Zukunft, wohnt die in einer Stahl- und Glas-Architektur mit tausenden gleich großer Fenster, wie das im Programmheft abgebildete UNO-Hochhaus - davor das Ensemble - in New York? Die Realität der UNO ist nur in ihrer Charta so kategorisch, wer Konferenzen und Einsätze länger kennt, erlebt Bürokraten und Chaoten, Einfühlung, political correctness, Rassismus, kosmopolitische Atmosphäre und provinzielle, wirksame Projekte und miserable. Das Individuum ist unhintergehbar, und alle Gesetze bleiben durch ihre Auslegung Annährungswerte, sie gleichen nie dem orthodoxen Kanon, den das Oratorium zu feiern und zu fürchten scheint.

Aber seltenen und seltsamen Mut beweisen die Dreißigjährigen mit diesem Versuch einer Brecht-Transformation, der sie manchmal nicht gewachsen scheinen, wenn ihre jungen Stimmen die schweren Lehrsätze deklamieren, während sie soldatisch beherrscht die Bühne bevölkern, in Kleidung, die an die Passagiere von Raumschiff Enterprise erinnert.

Filigran, nur selten in ein paar Takte konventioneller Melodik ausscherend, ist Matteo Fargions Komposition, zurückhaltend gespielt vom Kammerensemble Neue Musik Berlin. Der Versuch, mit "Das Kontingent" zugleich einen Schritt zurück in der Theatergeschichte und einen nach vorn in der Weltpolitik zu machen, ist ungewöhnlich. Die jungen Schauspieler auf ihrem selbstgebauten UFO wirken selbst wie Lernende, die sich in eine Welt von morgen hineinbeamen, um schon mal vorzufühlen, zweifelnd und begeistert. Der starke Beifall brauchte ein paar Minuten, um sich zu entfalten, er war dann ehrlich. "Das Kontingent" ist ein Lehrstück auch über die Dreißigjährigen, ein schönes.Wieder am: 5. und 6.2., 19 Uhr

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