Kultur : Ukraine, du sollst nicht weinen

EDITH HELLER

"Das Jahr 1647 war ein sonderbares Jahr, in dem alle Zeichen am Himmel und auf der Erde schreckliche Dinge und ungewöhnliche Ereignisse verhießen..." Mit dieser unheilvollen Prophezeihung beginnt ein Buch, das in Polen jeder kennt - und ein Film, der in der modernen Kinoproduktion seinesgleichen sucht.In Polen bricht die Sienkiewicz- Verfilmung "Mit Feuer und Schwert" alle Rekorde: 20 Millionen Polen wollen laut Umfragen die aufwendige Superproduktion sehen.Schon jetzt steht fest, daß die spezifische Mischung von "Braveheart" und "Vom Winde verweht" jenseits der Weichsel ein größerer Kassenerfolg wird als "Titanic".

Daß der Aufstand der Zaporoger Kosaken und der ukrainischen Bauern gegen die polnische Krone vor nunmehr 350 Jahren Menschen von heute in die Kinos lockt, hätten auch in Polen nur wenige vermutet - sonst hätte Regisseur Jerzy Hoffmann nicht mehr als zehn Jahre gebraucht, um den Sponsoren acht Millionen Dollar für die Realisierung seines Jugendtraumes zu entlocken.Mit diesem vergleichsweise schmalen Budget drehte er in nur 118 Drehtagen mit 108 Schauspielern und 206 Pferden 130 Kilometer Film, in dem die Kostüme handgestickt, die Husarenflügel mit echten Adlerfedern beklebt und die Schnurrbärte historisch getreu nach dem Stand ihrer Besitzer - Kosaken, Tartaren, polnischer Adel oder Bauern - geformt sind.

Was auf der einen Seite investiert wurde, mußte woanders gespart werden: Wenn das Geld nicht reichte, um eine Windmaschine herbeizuschaffen, wurde die Szene eben im Regen gedreht - auf die Hilfe der Feuerwehr konnte der Regisseur immer zählen.Das ganze wurde dann von - so der Regisseur - "zwei jungen Banditen aus der Reklamebranche" respektlos zusammengeschnitten und zu einem Werk verdichtet, das stellenweise mehr an einen Video- Clip erinnerte als an die epischen Historienfilme, die Hoffmann in früheren Jahren drehte.

Der Regisseur hatte nicht nur finanzielle Hindernisse zu überwinden.Da der Ende des 19.Jahrhunderts erschienenen Historienroman des "Quo Vadis"-Autors und Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz zur "Erquickung der Herzen", also zur Stärkung des polnischen Nationalbewußtseins konzipiert war, weckte sein Vorhaben die Besorgnis, das Aufwärmen des polnisch-ukrainischen Konflikts aus dem 17.Jahrhundert könnte zur Wiederbelebung nationaler Stereotypen führen.Bekannte Autoritäten wie der Pariser Expilpole Jerzy Giedroyc erklärten, daß die Verfilmung des Romans "in der gegenwärtigen geopolitischen Situation ungemein schädlich" sei.Sogar Staatspräsident Aleksander Kwasniewski verlangte die Vorabversion des Filmes hinter verschlossenen Türen zu sehen.

Für Jerzy Hoffmann wurde die ukrainische Frage zur größten Herausforderung seines Films - und er hat sie zumindest sehr kreativ gelöst.Anders als im Roman kann Kosakenführer Chmielnicki, dargestellt von dem hervorragenden ukrainischen Schauspieler Bohdan S.Stupka, überzeugend darlegen, warum sich die Ukraine gegen die polnische Unterdrückung wehrt.Der Anführer der Polen, Fürst Jarema Wisniowiecki, wird hingegen als tragische Gestalt gezeigt, der den Aufstand rücksichtslos "im Blut ertränken" will.

Auch die in die Kriegswirren eingebettete Liebesgeschichte zwischen dem edlen polnischen Ritter Jan und der schönen Helena (Izabella Scorupco) bekommt einen neuen Dreh: Am Schluß versteht besonders die Zuschauerin kaum noch, warum die schauspielerisch etwas schwach agierende ehemalige James-Bond-Gespielin bei ihrem Polen bleibt und nicht den feurig-temperamentvollen Kosaken Bohun nimmt.

Antiukrainisch ist der Film also nicht, selbst wenn Kritiker einwenden mögen, daß die silbrig-glänzenden polnischen Husaren natürlich immer noch den Inbegriff westlicher Zivilisation und Kultur darstellen, gegen die sich ein wilder und blutrünstiger asiatischer Mob erhebt.Es ist nicht zu verkennen, daß die Polen vom Gefühl ihrer kulturellen Überlegenheit gegenüber der Ukraine ebenso tief durchdrungen sind wie etwa die Deutschen gegenüber Polen.Aber so genau darf man es mit der Political Correctness bei Abenteuerfilmen nicht nehmen.In der von amerikanischen Filmen übersättigten Ukraine ist dem polnischen Film jedenfalls ein Kassenerfolg schon jetzt sicher.

Nur wenige werden allerdings ein Motiv verstehen, das für viele Polen am anrührendsten ist: die historisch verankerte Sehnsucht nach der "grünen Ukraine", dem Land, wo einst Milch und Honig flossen.Allein der Begriff "Kresy", zu deutsch "Grenzland", "Mark", wühlt die Seele auf und hat nahezu magische Bedeutung: Welcher Pole hätte keinen Vorfahren, der dort gelebt hat und gestorben ist? Am ehesten sind diese Gefühle mit den Sentiments der deutschen Vertriebenen für die verlorenen "Weiten des Ostens" zu vergleichen...Ukraine, sollst nicht weinen, singen die Kosaken herzergreifend in Jerzy Hoffmans Film.

Wenn es ihm gelingt, den Blick des auf den Westen fixierten Publikums auch nur für kurze Zeit auf dieses faszinierende, noch kaum aus jahrhundertelanger Knechtschaft erwachte Land zu lenken, wäre dies sein größtes Verdienst.

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