Kultur : Ulbrichts Intrigen Dirk Kemper über

die deutsche „Volksfront“.

Hannes Schwenger

Das Dringlichste sei, schrieb Heinrich Mann 1937 an Lion Feuchtwanger über das Zustandekommen einer Volksfront im Exil, „den Ulbricht loszuwerden“. Er nannte ihn „ein vertracktes Polizeigehirn“, das über seine Intrigen nicht hinausblicke. „Das demokratische Verantwortungsgefühl, das jetzt erlernt werden muss, ist ihm fremd.“ Zum Glück blieb es Mann erspart, selbst unter Ulbrichts Fuchtel zu geraten, als er in der Einsamkeit seines letzten Lebensjahres 1949 die Einladung annahm, Präsident der in Ostberlin gegründeten Akademie der Künste zu werden; er starb 1950 vor seiner Rückkehr nach Deutschland.

Die Volksfront von Kommunisten und Sozialdemokraten hat es, anders als in Frankreich, in Deutschland nie gegeben, – auch wenn sich die spätere Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED auf ihr Pariser Vorspiel berief, also auf den „Ausschuss zur Vorbereitung der deutschen Volksfront“ unter dem Präsidenten Heinrich Mann. Ulbrichts Intrigen als Vertreter der KPD in diesem Ausschuss und als getreuer Exekutor der Windungen und Wendungen der Moskauer Politik haben zu diesem Scheitern nicht wenig beigetragen, wie man Dirk Kempers Studie „Das Scheitern der Volksfront“ entnehmen kann. Sie stützt sich auf Moskauer Akten, die erst nach dem Ende der DDR und der Sowjetunion zugänglich wurden. Die widerlegen – für westliche Historiker, Sozialdemokraten und unabhängige Linke nicht überraschend – die offizielle Geschichtsschreibung der DDR und legen nahe, dass das Volksfrontprojekt für Stalin, Wilhelm Pieck und Ulbricht immer nur „bloße Taktik und niemals Strategie“ war, wie auch Manfred Flügge in seiner Biografie Heinrich Manns (Rowohlt Verlag, 2006) befindet. Er kommt allerdings zum Schluss, dass Mann dieser Taktik letztlich erlegen sei, als er nach dem Scheitern der Volksfront selbst Stalins Pakt mit Hitler „Perspektive“ zusprach und noch 1946 verteidigte.

So blind war Heinrich Mann nicht immer. Im Ringen um das Zustandekommen der deutschen Volksfront war er gegen den verhassten Ulbricht durchaus auf der Seite derer, die sie nicht als taktischen Schachzug, sondern als strategische Allianz zur Verteidigung der Demokratie betrieben. Davon zeugt nicht nur seine offene Sympathie mit den sozialdemokratischen Mitgliedern des Ausschusses Max Braun und Rudolf Breitscheid, sondern auch seine Parteinahme für seinen engagiertesten kommunistischen Teilnehmer Willi Münzenberg. Noch war zweifelhaft, ob auch die beiden Parteizentralen die Initiative uneingeschränkt unterstützten; im Pariser Ausschuss zur Vorbereitung der deutschen Volksfront saßen die Vertreter der beiden Parteien als berufene Persönlichkeiten, aber ohne Wahlmandat ihrer Parteien, die sich noch nicht über die Bildung einer Einheitsfront einigen konnten. Das Misstrauen saß tief, nachdem die KPD die Sozialdemokraten vor 1933 als „Sozialfaschisten“ beschimpft und bekämpft hatte.

Zwar hatte Georgi Dimitroff, Münzenbergs Partner in Moskau, auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935 die Abkehr von der Sozialfaschismus-These verkündet, deren lauteste Vertreter in der KPD Ernst Thälmann und Walter Ulbricht gewesen waren. Aber ausgerechnet dieser Walter Ulbricht sollte 1937 Münzenberg im Volksfront-Ausschuss ersetzen. Proteste Heinrich Manns und anderer Ausschussmitglieder an Dimitroff blieben erfolglos, während Ulbricht nach alter Manier für eine „Volksfront von unten“ intrigierte – nach Manns Befürchtung „eine eigene Volksfront, die ihm unterstehen soll“. Tatsächlich wurde Ulbricht 1938 durch Franz Dahlem ersetzt, aber für die von Moskau enttäuschten Sozialdemokraten war das ein Wechsel ohne Verzicht auf den kommunistischen Führungsanspruch. Sie äußerten sich enttäuscht über Heinrich Manns öffentliches – möglicherweise wider besseres Wissen – Festhalten an der Illusion Volksfront. Sie fürchteten, „dass wir bald als Trotzkisten und Gestapo-Agenten bezeichnet werden“.

So sollte es 1939 selbst Willi Münzenberg ergehen, der auf Betreiben Ulbrichts aus der KPD ausgeschlossen wurde, nachdem ihn Stalin als „Trotzkist“ bezeichnet und Dimitroff dessen Verhaftung befohlen hatte. Nach seiner Weigerung, Frankreich zu verlassen, wurde Münzenberg 1940 in einem Wald bei Lyon erhängt aufgefunden. Ob Mord oder Selbstmord, ist nie geklärt worden. Die verstorbene Hoffnung auf eine deutsche Volksfront beerbte Walter Ulbricht mit der SED. Hannes Schwenger

Dirk Kemper:

Heinrich Mann und Walter Ulbricht.

Das Scheitern der Volksfront. Briefwechsel und Materialien.

Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2012. 262 Seiten, 29,90 Euro.

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