• Ulrich Eckhardt: Tausend Stifte - Ein Rückblick auf das Eckhardt-Imperium/Von Christoph Stölzl

Kultur : Ulrich Eckhardt: Tausend Stifte - Ein Rückblick auf das Eckhardt-Imperium/Von Christoph Stölzl

Der Autor ist Berlins Senator für Wissenschaf

Was war Ulrich Eckhardt für Berlin? Es ist aussichtslos, 28 Jahre Berliner Festspiele auf einen Punkt zu bringen. Ich behelfe mich mit einem Zufallsfundstück, das vielleicht auch Ulrich Eckhardt gefallen würde.

Im Mai 1778 ist Johann Wolfgang Goethe in Berlin gewesen, das einzige Mal, wie man weiß. Am 17. Mai schrieb er nach Weimar, an Charlotte von Stein über seine Eindrücke: "Wenn ich nur gut erzählen kann von dem großen Uhrwerk, das sich vor einem treibt, von der Bewegung der Puppen kann man auf die verborgenen Räder, besonders auf die große alte Walze FR gezeichnet mit tausend Stiften schließen, die diese Melodien einer nach der anderen hervorbringt."

Die große verborgene Walze mit tausend Stiften - so hat auch Eckhardt sein Geschäft verstanden. Die Parallele zu FR gehen aber noch weiter. Der erste Diener der Festspiele GmbH betrieb erfolgreich eine Mimikry, welche die Person des Königs hinter betonter Bescheidenheit verbarg. Dafür herrschte er umso effektiver. Wer sich in seine Nähe begab, wurde in die Pflicht genommen. Man kam zu einem zwanglosen Informationsaustausch, man verließ die Budapester Straße eine Stunde später, ohne dessen recht gewahr geworden zu sein, als funktionaler Teil eines größeren Ganzen. Eckhardts Kulturidealisierung war auch deshalb so entwaffnend, weil er höhere politische Ziele im Gepäck hatte: Erst die Entspannung im Kalten Krieg, dann die Neudefinition Berlins nach der Einigung.

Was bleibt vom Imperium Eckhardts? Zuerst Erinnerungen an faszinierende Situationen. Lange bevor das Wort "Location" auftauchte, hatte Eckhardt den Zauber überraschender Schauplätze als Kulturfaktor instrumentalisiert. Gut erinnere ich mich an die Eröffnung der Preußen-Ausstellung 1981 im halbrestaurierten Martin-Gropius-Bau. Im ruinierten Grenzstreifen an der Mauer wuchs ein neu ausgesätes "preußisches" Weizenfeld, und während die Ehrengäste über unwegsames Gelände strömten, ein Männerchor sang, lärmten, wie auf Eckhardts Bestellung, aus einem besetzten Haus in Sichtweite die Revolutionäre von Berlin. Eckhardts "Eingriffe" haben auch bleibende Spuren hinterlassen, die Topographie des Terrors zum Beispiel, die von "Berlin/Berlin" übrigblieb und zur Institution wurde. Dass aus der Preußen-Ausstellung auf Umwegen am Ende das Deutsche Historische Museum wurde, hat Eckhardt eine Zeit lang nicht gemocht. Als es dann da war und Erfolg hatte, wurde es sogleich Baustein neuer Eckhardtscher Geschichtsstrategien. Eckhardt hatte viel Sinn für das Dialektische aller Kulturpolitik, für Umwege, für Energien, die aus Kontroversen entstanden.

Ich habe kritische Stimmen gehört, die monieren, Berlin sei Eckhardt eine große Abschiedsfeier schuldig geblieben. Das ist Unsinn. Erstens: Ein Fest, das seiner würdig ist, hätte er nie in fremde Hände gegeben. Und hat es sich deshalb mit den "7 Hügeln" selbst ausgerichtet. Zweitens: Wer spricht von Abschied? "Macht" ist laut Max Weber nichts anderes als "die Chance, Unterwerfung zu erlangen". Ulrich Eckhardts Königtum erlischt selbstverständlich nicht mit dem Auslaufen von Verträgen. Die verborgene große Walze mit den tausend Stiften dreht sich weiter. Und die Puppen werden sich weiter bewegen, zu ihrem eigenen Erstaunen, und zum Wohle Berlins.

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