Kultur : Ulrich Gregor im Gespräch: Filme sind zum Staunen da

Herr Gregor[als Sie 1971 das Forum gründeten]

Ulrich Gregor ist der geistig prägendste Kopf der Berlinale. Unter den Festival-Chefs ist er auch der, der am längsten gedient hat: über 30 Jahre. Drei Jahrzehnte seiner Biografie sind untrennbar mit dem Festival verbunden. Geboren am 18. September 1932 in Hamburg, arbeitete er nach dem Studium als Filmpublizist. 1963 gründete er die Freunde der Deutschen Kinemathek, die nach 1968 Parallelfestivals zur Berlinale veranstalteten. Wegen ihres politisch und ästhetisch innovativen Profils wurden die "Freunde" 1971 in die Berlinale integriert und veranstalten seitdem als eigenständige Sektion das Forum, das Internationale Forum des Jungen Films, dessen Leitung Gregor zum nächsten Jahr abgibt. Die künftige finanzielle und strukturelle Organisationsform des Forums innerhalb der Berlinale - der Bund tritt bald als alleiniger Geldgeber auf - ist noch offen. Gregor, dessen Vertrag formal bis 2003 läuft, wird mit seiner Frau Erika weiter im Auswahlgremium des Forums mitarbeiten. Das Ehepaar hat zwei Töchter.

Herr Gregor, als Sie 1971 das Forum gründeten, zeigten Sie vor allem politische Filme. Was verstehen Sie heute unter einem unabhängigen Kino?

Auch damals haben wir Filme nicht nach Ihrer Botschaft ausgewählt, sondern nach ihrem kinematografischen Verdichtungsgrad. Was zählt, ist das ästhetische Resultat, die Virtuosität eines Films oder auch der bewusste Verzicht auf geläufige Stilmittel. Ein Film soll mich zum Staunen bringen. Das geschieht am ehesten, wenn er sich eine gewisse Unabhängigkeit vom Markt bewahrt. Meist sind das jene Filme, die aus einem Druck heraus gedreht werden, aus der Notwendigkeit heraus, unbedingt etwas erzählen zu wollen. Solche Filme entstehen zur Zeit eher in Asien, in China, Vietnam oder Japan als in Europa oder auch in der amerikanischen Independentszene. Wobei die Gründe unterschiedlich sind. Es ist nicht so, dass Asien eine einzige universelle Inspirationquelle bietet. In Japan gibt es eine starke Tradition der Bildkomposition; in China und im Iran entzündet sich die Erzählkraft nicht zuletzt im Kampf gegen die Zensur.

Das Forum versteht sich als Festival für den jungen, neuen Film. Was heißt heute "neu"? Hat es im Kino nicht alles längst schon einmal gegeben ?

Der Gebrauch der Handkamera ist fast wieder zur Mode verkommen und mitunter recht enervierend. Ein verwackeltes Bild macht noch keine Filmkunst. Aber es gibt ja bereits die Gegenbewegung: ein Kino der Statik und des Minimalismus, wie man ihn in diesem Jahr bei einigen deutschen Filme sehen konnte, bei "Mein langsames Leben" von Angela Schanelec oder "Der schöne Tag" von Thomas Arslan. Ich meine noch etwas anderes. Kürzlich zeigten wir im Arsenal aus dem traurigen Anlass seines Todes den letzten Film von Johan van der Keuken, "Die großen Ferien", der im vergangenen Jahr im Forum zu sehen war. Dieser Dokumentarfilm beginnt mit der Großaufnahme einer Tasse. Die Tasse beginnt zu vibrieren und erzeugt ein klirrendes Geräusch, weil sie gegen die Untertasse stößt. Man sieht auf der Leinwand nichts als eine Tasse und doch einen faszinierenden kinematografischen Vorgang: ein Stillleben, das in Bewegung gerät und von dem man erst weiß, was es möglicherweise bedeutet, wenn man den Film als Ganzes gesehen hat. Vielleicht hat es solch eine Tasse im Kino schon einmal gegeben, man müsste mal in Fernand Legers "Ballet Mechanique" nachschauen, wo ja Geschirr durcheinander tanzt. Und dennoch berührt van der Keukens Bild einen auf eine besondere, einmalige Weise.

Dem Forum wird häufig vorgeworfen, es zeige zu viele Filme. Sollte es sein Programm nicht verschlanken, wie die exklusiveren Nebenreihen in Cannes oder Venedig?

Die Festivals in Cannes und Venedig haben ein beschränktes Suchfeld. Die würden niemals Kurzfilme von Heinz Emigholz ins Programm nehmen; auch Dokumentarfilme sind anderswo selten. Das Cannes-Konzept heißt: einzelne, hervorragende Werke zeigen. Unser Konzept besteht darin, ein Kontinuum zu entfalten und eine Dynamik zwischen den Filmen zu entwickeln. Wir leisten uns esoterische Werke mit einem hohen Schwierigkeitsgrad, mit einer Handschrift und eigenen Visionen, deren Existenzberechtigung man niemals an der Zuschauerquote festmachen darf. Und daneben zeigen wir indischen Mainstream und Kommerzfilme aus Hongkong. Ich glaube, wir waren früher puristischer und ließen gerade aus den außereuropäischen Ländern nur Stimmen aus den Oppositionsbewegungen zu.

Kleine Filme, die kaum eine Verleihchance haben, touren durch die Festivals und kommen so auf eine beachtliche Zuschauerzahl. Schadet der Exklusivitätsanspruch der Festivals nicht gerade diesen Filmen?

Wir lassen Ausnahmen zu, denn wir wollen nicht, dass die Filme unserem Reglement zum Opfer fallen. Aber es ist schwer, eine kohärente Linie zwischen einem eigenen Profil und übertriebenem Neuheitsanspruch zu finden. Was nützen uns lauter Uraufführungen von schlechten Filmen! Fachzeitschriften wie "Variety" merken natürlich, dass etwa Bela Tarrs neuer Film schon auf anderen Festivals lief. Aber unser Publikum stört das kaum.

Gleichzeitig ist es jedoch mit einem Berlinale-Monsterprogramm konfrontiert, denn die Panorama-Sektion arbeitet ja ganz ähnlich.

Trotzdem läuft das Publikum nicht davon. Die Berlinale als Publikumsfestival soll das große Spektrum der Formen und Gattungen zeigen. Aber es wäre natürlich gut, wenn etwa Forum und Panorama sich nicht wie zwei feindliche Lager gegenüberstünden und ihre Programme miteinander statt gegeneinander konzipierten. Diese Kommunikation bei gleichzeitiger Autonomie der einzelnen Sektionen wird die künftige Festivalleitung herstellen müssen. Die Qual der Wahl werde ich selbst ja bald nicht mehr haben. Die übernimmt mein Nachfolger Christoph Terhechte.

Bleiben Sie und Ihre Frau Erika in der Auswahlkommission des Forums?

Ich werde, wenn ich Ende April gehe, keine Bedingungen stellen. Die Zukunft soll offen bleiben für neue Konstellationen. Ich begrüße es, wenn das nun bei den Berliner Festspielen federführende Kulturstaatsministerium die Berlinale als Gesamtereignis neu organisieren will. Die Chance des Neubeginns muss genutzt werden, um eine Berlinale aus einem Guss zu schaffen. Aber ich habe natürlich nichts dagegen, wenn wir noch eine Weile dabei sind. Vor allem ist es wichtig, dass die Chemie unter den neuen Festivalchefs stimmt und dass es mehr Kontakte untereinander gibt. Sicher, jeder will ein paar Rosinen aus dem Kuchen, aber das Gesamtprogramm muss in Zukunft klarer strukturiert werden. Man könnte die Dokumentarfilme zusammenfassen oder auch die ganz neuen Filme, wie es das Festival von Rotterdam tut. Und es ist wichtig, dass die besondere Konstruktion des Forums, das ja von den "Freunden der deutschen Kinemathek" ausgerichtet wird, die wiederum einen Vertrag mit den Berliner Festspielen haben, beibehalten bleibt. Denn sie ermöglicht uns Freiheiten: Wir müssen unser Geld nicht in Fahnenschmuck investieren und können es für einen Katalog mit üppigen Informationen ausgeben.

Welche Existenzmöglichkeit hat das unabhängige Kino außerhalb des Festivalzirkus?

Wir müssen ständig Ereignisse produzieren und das in immer größerer Geschwindigkeit. Wir sehen das täglich in unserem Arsenal-Kino: Wenn der Filmemacher persönlich präsent ist, dann kommen mehr Leute. Auch Reihen sind gefragt, wie unsere "Geschichte des Kinos in 365 Filmen". Und wir verleihen über die "Freunde der Deutschen Kinemathek" etliche unserer Berlinale-Filme, denn wir wollen verhindern, dass sie nach der Berlinale im Nirwana verschwinden. Deshalb richten wir große Anstrengungen darauf, Filme hierzubehalten, zu lagern und auch das Jahr über zu zeigen. Das sollte im Interesse der Filmkultur beibehalten werden. Außerdem ist es denkbar, dass andere Sektionen der Berlinale diese Praxis übernehmen, damit das Festival als Ganzes über seine Ende hinausstrahlt.

Die obligatorische Bilanzfrage: Was war Ihr schönstes, was Ihr schlimmstes Berlinale-Erlebnis in diesen drei Jahrzehnten?

Eins der schönsten Erlebnisse war der Satz einer Zuschauerin in irgendeiner übervollen Delphi-Vorführung in den 80er Jahren. Diese junge Frau lief auf der Suche nach einem Platz eilig an mir vorbei und rief mir zu: "Es ist wunderbar, was Sie hier machen. Weiter so." Ich habe sie nie wiedergesehen und denke oft an diesen Satz. Einer der schlimmsten Momente war der, als die Kopie von Oshimas "Im Reich der Sinne" beschlagnahmt wurde. Oder auch - schlimm und komisch zugleich - eine Delphi-Diskussion mit Rosa von Praunheim. Es war weit nach Mitternacht, eine Stimmung der allgemeinen Heiterkeit und Lächerlichkeit brach aus. In verschiedenen Ecken des Delphis wurden gleichzeitig lautstarke Erklärungen abgegeben - ein chaotisches Happening, das selbst Praunheim irgendwann nicht mehr gefiel.

Dies ist Ihre letzte Berlinale als Forumschef. Sind Sie wehmütig?

Das kommt erst später. So ging es mir auch bei der Schließung des alten Arsenals. Bei der Abschiedsparty herrschte eine euphorische Stimmung. Erst als ich Wochen später beim Vorbeifahren die blinde Fassade des Kinos sah, hatte ich einen Augenblick lang das Gefühl des Verlusts.



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