Kultur : Ulrich Schmid verfolgt die Spuren der russischen Mafia in New York

Susanna Nieder

Markow Stirbt. Er bewegt sich mühsam, sein Atem geht schwer, sein Aufzug ist ungepflegt. Er kippt den Wodka gläserweise und lutscht Pfefferminz, um den Verwesungsgestank zu überdecken, den sein Körper verströmt. Trotzdem beherrscht er jeden Raum, den er betritt. Von Markow geht eine kalte Kraft aus, eine Autorität, der sich Sascha, ein Moskauer Journalist auf Recherche in New York, lange nicht erklären kann.

Sascha ist der Ich-Erzähler in Ulrich Schmids erstem Roman "Der Zar von Brooklyn". Zunächst ahnt er nicht, dass er in Markow der Macht begegnet, die Russland in Wirklichkeit regiert - der Art von Macht, die nur in einem streng organisierten Apparat entstehen kann, die im Verborgenen operiert, Umstürze überlebt und Menschen in Halbgötter verwandelt. Die Begegnung verändert sein Leben. Fortan schrammt er von einer ungemütlichen Situation in die nächste, bis er begreift, dass er Stellung beziehen muss, wenn er seinen Kopf retten will.

"Der Zar von Brooklyn" ist ein überaus unterhaltsames Buch. Ulrich Schmid, von 1990 bis 1995 Korrespondent der Neuen Züricher Zeitung in Moskau, von 1995 bis 1999 in Washington (mittlerweile ist er in Peking), besitzt eine beneidenswerte Beobachtungsgabe und das Hintergrundwissen von einem, der in einem fremden Land nicht nur gearbeitet, sondern auch gelebt hat. Aus seinem Material hätte er leicht einen Thriller machen können. Doch anstatt alle Mittel auf die Erzeugung von Spannung zu konzentrieren, gibt er sich der schieren Lust am Fabulieren hin. In der Unbefangenheit, mit der er ausholt, ausschmückt, scheinbar nebensächliche Gedankengänge verfolgt, erinnert er an nordamerikanische Erzähler wie John Irving oder Robertson Davies. Viele Situationen sind dramatisch wie Kinoszenen, und seine Figuren charakterisiert Schmid so treffend, dass man sie fast riechen kann. Welcher andere Autor würde etwa einen ängstlichen Befehlsempfänger folgendermaßen beschreiben: "Wie ein Serviertischchen schiebt er sich durch den Flur; der Oberkörper bleibt stets auf derselben Höhe, die Hände kleben am Leib".

Vergleiche und unerwartete Assoziationen sind Schmids Stärke. In der rundum abgesicherten amerikanischen Wohnsiedlung lacht selbst der Pizzabote ein "mächtiges, erdenschweres Lachen". In der halbseidenen Atmosphäre des Moskauer Hotel Metropol verfolgen die Jungs vom kaukasischen Syndikat die Vorgänge am Nebentisch: "Die Kaukasier drehten die Köpfe, langsam wie Rindvieh, das einem Auto nachschaut."

Mit Vorliebe lässt Schmid Mentalitäten aufeinanderprallen wie die des Russen Sascha und der Amerikanerin Tracy. Die beiden lernen sich im Flugzeug kennen, und die erste einer Reihe von rätselhaften Verhaltensweisen, bei denen er immer den Kürzeren zu ziehen scheint, ist ihre typisch amerikanische Kommunikationsbereitschaft. Schon scheint ihm die Verlobung nur noch Formsache, da lässt sie ihn ohne Umschweife an der Passkontrolle stehen: "Ich sah ihr nach wie ein Passagier in der U-Bahn, dessen Sitznachbar sich bei der ersten Gelegenheit auf eine freie Bankreihe verzieht."

Ganz allmählich beginnt die Geschichte um Macht in ihren unterschiedlichen Ausprägungen zu kreisen. Die New Yorker Mafiosi, jovial oder hirnlos brutal, besitzen die dumpfe Macht der Gewalttätigen. Tracy, Tochter aus gutem New Yorker Haus, bewegt sich mit der selbstsicheren Macht einer privilegierten, attraktiven Frau,und Tschistow, Saschas opportunistischer Kollege, der mit den Mächtigen per Du ist, sonnt sich in deren Abglanz. Nach und nach dringt durch Komik und Ironie eine unterschwellige Melancholie. Welche Rolle spielt Markow in dieser Hierarchie? Und wer hat Aljoscha umgebracht, den hartnäckigen, nervtötenden Dissidenten, der nicht korrumpierbar war und deshalb schon auf Grund seiner moralischen Überlegenheit unerträglich?

Die Fragen werden nur zum Teil beantwortet. Jeder behauptet etwas anderes, und die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in einer Ecke zwischen den Idealen von gestern. Vielleicht hat auch Serjoscha Recht, Saschas Freund, der an Übersinnliches glaubt, gegen die Lockmittel der Macht so immun ist wie Aljoscha und eines Tages spurlos verschwindet. Die ehemaligen Gewissheiten sind zerborsten; vieles von dem, was um ihn herum vorgeht, begreift Sascha nicht ganz. Ständig hat man das Gefühl, die anderen wüssten mehr, ließen ihn ins Leere laufen. Wenn er die Gelegenheit hat, macht er mit ihnen dasselbe - die Welt, in der er lebt, ist nicht für ehrliche Menschen gedacht.

Eine kurze Rahmenhandlung weist die Geschichte von Saschas Begegnung mit dem Zaren von Brooklyn als Bericht an einen gewissen Iwan Andrejewitsch aus, den Sascha offenbar für einen Lumpen hält, aber trotzdem bewundert - weil er Macht hat. Sascha ist kein Held. Nach ein, zwei Versuchen, seinen Anstand zu wahren, fasst er seinen Entschluss. Ulrich Schmid verurteilt nicht, er beobachtet nur. Die Melancholie in "Der Zar von Brooklyn" entsteht aus der Erkenntnis, dass manche Menschen Schufte sind, andere moralisch unantastbar, aber die meisten ganz einfach schwach. Wer nicht in die Lage kommt, sich entscheiden zu müssen, hat Glück gehabt, nichts weiter.Ulrich Schmid: Der Zar von Brooklyn. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2000.

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