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Ulrich Seidl im Interview : „Und dann drehte der Präfekt das Licht ab“

02.01.2013 00:00 Uhrvon
Drei Frauen. „Paradies: Liebe“, Teil 1 von Ulrich Seidls Filmtrilogie, startet am Donnerstag in sechs Berliner Kinos. Darin geht es um die Mittfünfzigerin Teresa (Margarete Tiesel, Foto), eine Sextouristin in Kenia. „Paradies: Glaube“ über Teresas erzkatholische Schwester kommt am 21. März ins Kino. Teil 3, „Paradies: Hoffnung“ über Teresas dicke Tochter im Diätcamp wird auf der Berlinale uraufgeführt. Filmstart am 16. Mai. Die Galerie C/O Berlin zeigt vom 19. 1. bis 17.3. Standfotos aus der Trilogie über Sexualität, Spiritualität und Körperlichkeit. Dazu erscheint bei Hatje Cantz ein Buch mit Texten u.a. von Elfriede Jelinek, Marina Abramovic, Helene Hegemann.Bild vergrößern
Drei Frauen. „Paradies: Liebe“, Teil 1 von Ulrich Seidls Filmtrilogie, startet am Donnerstag in sechs Berliner Kinos. Darin geht es um die Mittfünfzigerin Teresa (Margarete Tiesel,... - Foto: Neue Visionen

Der Filmemacher Ulrich Seidl über eine Jugend im Internat, den Blick auf Tabuzonen und seine Trilogie „Liebe Glaube Hoffnung“.

Wien, 9. Bezirk, Wasserburgergasse 5, ein Altbau mit Paternoster und gewundener Stiege. Das Büro der Ulrich-Seidl-Filmproduktion befindet sich im Mezzanin, früher lebte die Großmutter hier. Kronleuchter hängen über den Schreibtischen, das Parkett knarzt, wir sitzen in der Küche, bei Kaffee und Guglhupf. Hinter dem Tisch weicht die Wand zurück, hier war früher ein kleines Zimmer abgetrennt. Das Dienstmädchenzimmer, erklärt Ulrich Seidl, sechs, sieben Quadratmeter, Platz für ein Bett, einen Stuhl, ein kleines Fenster, immerhin.

Herr Seidl, Ihre Großmutter war wichtig für Sie, erzählen Sie. Inwiefern?
In meinem Elternhaus im Waldviertel hatte ich einen schweren Stand, mit meinem Vater gab es ständig Konflikte.

Zu Hause war alles verboten, es gab Hausarrest und ein unentrinnbares System von Strafen. Bei der Großmutter war mehr Freiheit, hier in Wien und in ihrem Haus in der Wachau an der Donau, in dem ich mit meinen vier Geschwistern oft den ganzen Sommer verbrachte.

Was ist das Waldviertel für eine Region?
Es liegt im Norden Österreichs, ein dünn besiedeltes altes Kulturgebiet mit Schlössern, Stiften und Ruinen. Raues Klima.

Sie waren dann im Internat, zwei Gymnasialjahre bei den Jesuiten ...
... und als 16-Jähriger bei den Schulbrüdern, dort war es noch ärger. Die Jesuiten hatten noch etwas Weltoffenes, die Schulbrüder waren nur bigott: Goschn halten, Lernen, Sport, sich bloß nicht mit der Welt beschäftigen. In den Schlafsälen stand Bettkasten neben Bettkasten, es herrschte Silentium. Einmal die Woche wurde geduscht, Freitagabend, in offenen Kabinen. Die Unterhosen mussten wir anbehalten, dann drehte der Präfekt das Licht ab und sagte: Und jetzt auch unter der Hose waschen. So war das mit der Sexualität. In der Woche gab es kaltes Wasser in Blechrinnen, alles war diszipliniert.

Ein durchchoreografiertes Leben. Die Krankensäle in der Geriatrie in Ihrem Spielfilm „Import, Export“ erinnern daran, selbst die parallel ausgerichteten Liegestühle am kenianischen Strand in „Paradies: Liebe“, dem ersten Teil Ihrer neuen Trilogie.
Man ist der, wo man herkommt: Es bleibt immer was hängen.

Gab es Missbrauch in den Internaten?
Ich habe seelischen Missbrauch erlebt, keinen körperlichen. Was jetzt alles ans Licht kam, macht mich fassungslos. Nicht nur in christlichen Heimen, auch mitten im roten Wien wurde in Erziehungsheimen jahrzehntelang Missbrauch betrieben. Es war systembedingt, man verliert den Glauben an die Menschheit.

In Ihren Filmen beschäftigen Sie sich mit Erniedrigung, Ausbeutung und sexueller Demütigung. Haben Sie herausgefunden, wieso Menschen einander das antun?
Dass im Zusammenleben der Menschen immer Macht und Gewalt ins Spiel kommen, diese bittere Erkenntnis ist nichts Neues. Ich versuche bloß, tabuisierte Räume in meine Filme zu integrieren, die Geriatrie zum Beispiel oder das Leben der Allerärmsten. Es ist mir wichtig, dorthin zu gehen, wo man lieber nicht hingeht.

Oft wird kritisiert, dass Sie Menschen würdelos zeigen. Verwirrte Greise kann man nicht mehr um ihr Einverständnis bitten.
Kinder kann man auch nicht fragen. Also fragt man Erziehungsberechtigte, Angehörige, den Vormund. Das tun wir selbstverständlich. Der Rest ist meine Verantwortung, eine filmische Darstellung darf niemandem die Würde nehmen. Wer bitte bestimmt, was man filmen darf und was nicht? Ab einem bestimmten Alter darf ich einen Menschen nicht mehr zeigen? Das finde ich abwertend. Hässlichkeit, Hinfälligkeit, Krankheit sind doch nichts Würdeloses. Hinzu kommt das schlechte Gewissen. Viele wollen nicht sehen, wie es der eigenen Mutter im Heim geht, wie sie gereinigt und gefüttert wird, aber seelisch verwahrlost. Die Gesellschaft altert, vielleicht enden wir alle so, trotzdem verbessern wir das Dasein für Sterbende nicht.

In „Paradies: Liebe“, dem ersten Teil Ihrer Trilogie „Glaube Liebe Hoffnung“ geht es um Sextouristinnen in Kenia. Weil auch da Menschen ausgebeutet werden?
Weil man anhand des Massentourismus die Welt beschreiben kann, die Machtverhältnisse zwischen Erster und Dritter Welt, die Bedeutung des Geldes, den Kolonialismus. Alle sind Opfer, die Touristen, die Hotelangestellten, die Prostituierten. Ein Riesenthema. Wir machen es alle, wir fahren in den Ferien in ärmere Weltgegenden, zerstören Landschaften, Ressourcen, soziale Gefüge und müssten eigentlich ständig ein schlechtes Gewissen haben. Noch so eine Tabuzone: Man ist der Weiße, der Tourist mit Geld in der Tasche, hier das Hotel mit Westpreisen, auf der anderen Straßenseite die Slums.

Ist es anders, wenn Sie dort filmen?
Es war schwer, für den Film eine wirkliche Beziehung zu den Beachboys aufzubauen. Sie wollten viel Geld, aber sie haben alles Recht, ihrerseits die Weißen auszubeuten und zurückzufordern, was ihnen in der Kolonialzeit genommen wurde. Die Beachboys sind sprachbegabt: In Mombasa gibt es viele deutschsprachige Touristen, dort können sie Deutsch. Weiter nördlich, bei Malindi, wo die Italiener Urlaub machen, sprechen sie Italienisch, die Kommunikation war kein Problem. Wir haben es mit Menschen zu tun, die ihr Leben vor die Kamera mitbringen. Dem begegnen wir mit großem Respekt.

Haben Sie bei der Arbeit mit Laien mehr Verantwortung als bei der mit Profis?
Nein, es sind erwachsene Leute, die vorher genau erfahren, worauf sie sich einlassen. Wer sich vor der Kamera auszieht, will das auch tun, ich verlange von Schauspielern nur, was in ihnen angelegt ist. Laien sind nicht blöd, professionelle Darsteller nicht per se klüger. Ich greife in ihr Leben ein, aber ich verantworte es nicht. Und ich überliste niemanden.

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