Kultur : Ulrike Ottinger: Der Spiegel sieht das Ungesehene

Knut Ebeling

Eine Diva in einer schmierigen Damentoilette kippt ein Glas Wasser in ihr Spiegelbild. Das Gesicht wird entstellt, die Person verschwimmt und verschwindet am Ende ganz. Drei Grazien auf einem Kohleberg richten ihre Blicke nach unten und schauen auf eine spiegelnde Pfütze Wasser. Doch das Wasser wirft nicht nur ihr Bild zurück wie im Mythos des Narziss, sondern der Spiegel offenbart das Andere der Grazie, das Ungesehene, ihre nackte Scham. In beiden Fotoarbeiten von Ulrike Ottinger illustriert der Spiegel nicht die Formation, sondern die Deformation eines Bildes. In einem Drehbuch schreibt sie: "Zur formalen Ästhetik: Spiegel, Spiegelungen, Glas, Wasser sollen oft eingesetzt werden, um Isolation und das Sich-Selbst-Fremd-Sein, Verfremdet-Sein zu visualisieren."

Bilderstrecken und Text der Berliner Allroundkünstlerin Ulrike Ottinger werfen ein Schlaglicht auf ihr Werk: Malerei und Bühne, Film und Text gehen bei ihr eine Symbiose ein, wie sie in der zweiten Jahrhunderthälfte selten geworden ist. Und doch hat man im fantastischen visuellen Stil Ottingers einen Prototypen all der inter-, trans- und metadisziplinären künstlerischen Verfahren vor sich, wie sie heute mit ungleich größerem technischem Aufwand praktiziert werden. Ihre eigenen Vorbilder fand sie in den Avantgarden der ersten Jahrhunderthälfte, in den Montagen von Surrealismus und Dadaismus. Allein institutionell ist die Zusammenschau von stehenden und bewegten Bildern, Texten und Theater kein leichtes Unterfangen. Daher bemühen sich gleich drei Berliner Institutionen um eine Würdigung der Ikone des deutschen Autorenfilms: Während die Deutsche Kinemathek im Arsenal zusammen mit dem Filmkunsthaus Babylon eine Retrospektive ihrer Filme zeigt, sind in den Kunst-Werken in der Auguststraße Filmstills zu sehen. In der Galerie Contemporary Fine Arts sind wie in einem Heiligenschrein die persönlichen Reminiszenzen Ottingers aufgebahrt. Die erstmals in einer Galerie gezeigten Porträts von Freunden und Begleitern samt Skizzen- und Drehbüchern bilden die Keimzelle des Ottingerschen Kunstvirus.

In den Sechzigern besucht sie in Paris die Vorlesungen von Lévi-Strauss und Althusser, ist mit Walter Mehring, Fritz Picard und Claire Goll befreundet. In den Siebzigern gründet sie eine Galerie, in der sie Wolf Vostell, Kitaj und David Hockney ausstellt; in Berlin werden ihre ersten Filme gezeigt, "Laokoon & Söhne", "Berlinfieber - Wolf Vostell". 1980 hat sie ersten Retrospektiven in Venedig und New York, zu der bereits Filme und Fotoarbeiten gemeinsam gezeigt werden. Während der frühe Erfolg größere Filmprojekte ermöglicht, wendet sich Ottinger im Laufe der achtziger Jahre dem Theater zu. Sie arbeitet mit Elfriede Jelinek, zuletzt an "Das Lebewohl" am Berliner Ensemble.

Ein erster Blick auf das Gesamtwerk verrät trotz internationaler Quellen und Meriten die örtliche Herkunft der Ästhetik Ottingers: All die Zwergmenschen und Punkgören, die Vertretertypen und Trinker, die Sowjetblondinen und die Gigolos sind in jener bundesdeutschen Avantgarde verwurzelt, zu der auch Faßbinder gehört. Das Interesse am Abnormen und Perversen, die Arbeit am Androgynen und Hybriden, schließlich die Lust am Überdrehten und Monströsen, die das Werk Ottingers hervortreiben, sind Teil jener spezifisch bundesdeutschen Dekadenz, die nur zwischen Eckkneipe und Berliner Mauer entstehen konnte.

Auf zwei Stockwerken der Kunst-Werke sind die surreal-skurrilen Fotoarbeiten Ottingers ausgebreitet. Diese Bildstrecken sind weder Abfallprodukte noch Nachbearbeitungen des Filmmaterials; die visuellen Notizbücher Ottingers folgen den Filmen nicht, sie gehen ihnen voraus. Die Geburt des Films aus dem Geist des Sammelns: Aus den phantastischen Sequenzen sind 1979 "Bildnis einer Trinkerin" und 1981 "Freak Orlando" entstanden, 1983 "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse", 1991 "Taiga". Diese bizarren Werke lassen den Film souverän zwischen Dokumentar- und Spielfilmästhetik changieren und entfalten ein visuelles Eigenleben jenseits der Unterscheidbarkeit: Vor der Plattenbaukulisse von Gropiusstadt führt ein Pierrot ein kostümiertes Schwein spazieren.

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