Ulrike Ottinger zum 70. : Das Schöne und das Unscheinbare

Der Bilderkünstlerin Ulrike Ottinger zum 70.

von
Spiegel-Ich. Ulrike Ottinger (l.) und Tabea Blumenschein im Atelier, 1976. Foto: Ottinger
Spiegel-Ich. Ulrike Ottinger (l.) und Tabea Blumenschein im Atelier, 1976.Foto: Ottinger

Ulrike Ottinger ist eine der international renommiertesten deutschen Künstlerinnen – und in ihrer Wahlheimatstadt Berlin höchst präsent. 2011 zeigte sie hier zwei denkbar unterschiedliche Ausstellungen: Im Haus der Kulturen der Welt inszenierte sie die raumgreifende Installation „Floating Food“, während die NGBK ihr malerisches Frühwerk präsentierte. Zur Berlinale gab es den Ehren-Teddy; jetzt bringt das Verborgene Museum unter dem Titel „Ulrike Ottinger – Fotografin und Sammlerin“ zwei weitere Aspekte ihrer künstlerischen Produktivität miteinander ins Gespräch: Fotoarbeiten hängen neben Porträtaufnahmen jener Sammlung von Bildern aus den zwanziger bis sechziger Jahren, die Ottinger mit ihrer Lebensgefährtin Katharina Sykora aufgebaut hat.

Für die Galerie in der Schlüterstraße, die sich der Wiederentdeckung vergessener Künstlerinnen verschrieben hat, ist die Präsentation eines Weltstars der Gegenwartskunst ein Novum, geschuldet der Zuneigung zur Geehrten. Fotos der Sammlung Ottinger/Sykora waren in anderem Kontext bereits im Verborgenen Museum zu sehen; jetzt werden sie Teil eines ebenso programmatischen wie diskret durchgeführten Experiments, das den Sammlerinnenblick in dem der „Kamerafrau“ spiegelt, die eben nicht nur filmt und malt, sondern auch fotografiert.

Die Bilder sind nach ästhetischen und thematischen Korrespondenzen gehängt: ausschließlich Porträts in Schwarz-Weiß – ein schmaler, doch prägender Teil von Ottingers fotografischem Werk. So ist der erste Eindruck erstaunlich homogen, erst bei genauerem Hinsehen schillert das Werk in vielfältigen Brechungen und Perspektiven. Wanderin zwischen den Welten ist Valeska Gert, die in den Zwanzigern von Lotte Jacobi und Willy Maywald porträtiert und im Alter eine von Ottingers Lieblingsschauspielerinnen wurde.

Korrespondenzen auch in der Theatralik von Lichtsetzung und Gesten. Ein Selbstporträt von Gertrud Arndt mit Netzschleier, dramatischem Kussmund und asiatisch brokatenem Kleid (1930) könnte auch Ottingers andere Lieblingsdarstellerin zeigen, Tabea Blumenschein. Überhaupt lässt sich die Schau auch als Blumenschein-Hommage lesen, im Dutzend ist sie zu sehen: als Aelita, als Gigolo, als Gangster – und am schönsten als junger Vogel mit Perlen und Federn im Gesicht und sinnlich verschmiertem Lippenstift. Der Übergang vom Charakterporträt zum Rollenkostüm ist fließend. Das Bild entstand zum Film „Die Betörung der blauen Matrosen“ (1975), einem frühen Beispiel der operesk-surrealen Filmcollagen, die Ottingers Werk mit dem von Werner Schroeter verbinden. Später kamen die langen dokumentarischen Arbeiten aus Asien hinzu, „China – die Künste – der Alltag“ (1985), „Taiga“ (1992) oder „Die Koreanische Hochzeitstruhe“ (2008). Immer hat Ottinger einen feinen Sinn für Alltagspraktiken und scheinbar belanglose Details, verzichtet auf Anekdotisches und Argumentatives. Ihre Liebe zum Dekor und zur Schönheit, der Mut und die Geduld, mit der Kamera beharrlich dabeizubleiben, zeichnet ihr Werk bis heute aus. Glückwunsch zum heutigen Siebzigsten!

Verborgenes Museum, Schlüterstr. 70, 7.  Juni - 5. August, Do/Fr 15 - 19 Uhr, Sa/So 12- 16 Uhr. Am 25. und 26. Juni zeigt das Kino Arsenal Ottingers „Unter Schnee“ als Film und Hörspiel.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben