Ultraschall-Festival : Tweed & Punk

Ein Resümee des diesjährigen Ultraschall-Festivals.

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Gediegen gerät das Abschlusskonzert von „Ultraschall“ im Großen Sendesaal des RBB, der das „Festival für neue Musik“ gemeinsam mit dem Deutschlandradio nun schon zum zwölften Male ausgerichtet hat. Das DSO spielt unter dem engagiert anleitenden Alejo Pérez Musik des finnischen Komponisten Magnus Lindberg, der Österreicherin Olga Neuwirth sowie der Briten Mark-Anthony Turnage und George Benjamin.

Mit diesen Stücken, deren ältestes nicht einmal ein Jahrzehnt alt ist, lehnt man sich einerseits in Richtung der diesjährigen Festivalthemen – England bildete mit Spanien einen Schwerpunkt – und kommt andererseits einer zweiten selbst gestellten Aufgabe nach: längst uraufgeführte Werke zu Gehör zu bringen und damit der Repertoirebildung aufzuhelfen. Und nach „Innenwelten, Unterwelten“, dem anderen großen Thema des Festivals, lässt sich auch in diesen vier Kompositionen gründeln, obwohl sie nicht gar so explizit daherkommen wie andere Stücke – Marcelo Toledos Oper „La selva interior“ (Der innere Dschungel) zum Beispiel, über die letzten Momente des Schriftstellers Horacio Quiroga.

Oder die auf einen Berliner Atombunker geschriebene Komposition der Französin Clara Maïda. In „Shel(l)ter“, uraufgeführt im Radialsystem, hat Maïda die Folgen einer atomaren Explosion für die Zellteilung zu Musik gemacht, das Gitter, das durch die Anordnung der Schlafkojen untertage entsteht oder den Zerfall jeglichen Materials. Weniger experimentell also wird dieser Abend im Sendesaal, „neuer“ hingegen auf seine Art als die Konzerte mit Kompositionen der Jubilare Paul-Heinz Dittrich und Dieter Schnebel (beide Jahrgang 1930), denen man sich vor allem anfangs des diesjährigen Festivals widmete.

Lindbergs „Sculpture“, 2005 uraufgeführt durch das Los Angeles Philharmonic Orchestra, hebt gemessen an, tief und wohl tönend, freundlich schwingend. An diesem Abend kann daraus kaum mehr werden als eine Art Ouvertüre für das spektakuläre zweite Stück, die deutsche Erstaufführung von Neuwirths Bratschenkonzert „Remnants of Song ... an Amphigory“ von 2009. Der Solist Antoine Tamestit wird das satte Timbre seines Instruments erst in Zusammenhang mit Passagen, die auf Verse Nietzsches geschrieben sind, ausgiebig hören lassen.

Denn es ist das Orchester, dem der Solopart für lange Zeit den Vortritt geben muss, und so lässt auch Tamestit der ideenreichen Textur zumal des ersten Satzes jede Menge Raum, der ingeniösen Überlagerung von Klimbim und ernsten Effekten, von Sanglichem, Quetschkommodigem, bartókisch Tänzerischem oder Marschmäßigem. Neuwirths Konzert, auf das Schaffen Baudelaires, Celans und englische Nonsens-Gedichte gleichermaßen bezogen, ist ein tönendes Geflecht aus Tweed und Punk, solide gearbeitet, doch mit überraschenden Fäden und Farben. So nachdenklich, so emotional aufgerührt und nach innen gekehrt sich die Stücke danach geben, so ernsthaft etwa Turnages Dylan-Vertonungen „When I woke“ von 2001 mit dem herausragenden Otto Katzameier (Bariton) gearbeitet sind: Gegen Neuwirths kunstfertigen Umgang mit den Möglichkeiten des Orchesters, ihre Abkehr vom aufgesetzt Konstruktiven, die wilde Lust am Lustigen will erst einmal angekommen sein. Christiane Tewinkel

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