Kultur : Um die Ecke

Zum 85. des Bildhauers Richard Artschwager

Simone Reber
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Richard

Besser kann sich Kunst nicht tarnen. Richard Artschwagers verrückte Möbel, leere Transportkisten oder verschlossene Türen sehen aus, als wären sie am liebsten gar nicht da. Es sind blinde Gegenstände, die unsere Augen öffnen. Der amerikanische Künstler spielt gern über Bande. Fotos zeigen ihn, wie er beobachtend im Türrahmen lehnt, stets bereit den Raum zu verlassen.

Richard Artschwager, 1923 als Sohn deutscher Einwanderer in Washington geboren, hat im Zweiten Weltkrieg in der Spionageabwehr gearbeitet. Blp hießen in den 60er Jahren die ovalen Markierungen, mit denen er in der Kunstwelt auffiel. Sie tauchten – manchmal filzig mit Rosshaar überzogen – im Straßenbild auf. Blp heißt das Signal auf dem Radarschirm. Artschwagers Kunst richtet unsere Antennen und alarmiert unsere Aufmerksamkeit.

Resopal, sagt der Bildhauer, hat alles ausgelöst. Als Möbelschreiner war er der edlen Hölzer überdrüssig und spürte in dem pflegeleichten Material die Atmosphäre der Zeit. Zwecklose Möbel wollte er damit schaffen, die den unscheinbaren Augenblick feiern. Ein Auftrag der katholischen Kirche, dreißig Schiffsaltäre zu zimmern, hatte ihn auf den Gedanken gebracht. Für seine Grisaille-Malerei verwendete er Celotex, Hartfaserplatten aus Zuckerrohr. Skulpturen für das Auge und Gemälde zum Anfassen – seinen Witz gewinnt Richard Artschwager aus dem Paradox. Bei seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Leo Castelli war er bereits über vierzig Jahre alt, aber in der langen Zeit der handwerklichen Tätigkeit hatte er seine Sprache geschliffen. Zur 4. documenta stellte er 1968 Objekte vor, deren Oberfläche aus marmoriertem Resopal von gnadenloser Spießigkeit war, deren Form aber vollendete Eleganz verkörperte.

Obwohl Artschwager Kommoden liebt, hasst er Schubladen – nicht die Strömung ist sein Element, sondern die Ecke. Die splatter pieces aus den 90er Jahren, zu platten Klecksen zerschmetterte Möbel, hing er in die Winkel des Raumes. Der Künstler, der als bekennender Atheist in einer hölzernen Kirche lebt, verherrlicht mit seinen geistreichen Objekte das Profane und lockt unsere Gedanken doch in andere Dimensionen. Artschwagers Witz ist jung, nur in der souveränen Verweigerung, im unaufgeregten Understatement erkennt man die Gelassenheit seiner 85 Jahre. Simone Reber

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