Kultur : Um die Ecke

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über Hochsommerpoesie und Erinnerungsprosa

Wenn sich Elke Heidenreich heute Abend im ZDF ums „Lesen!“ (22.15 Uhr) bemüht, kommen Sie vielleicht gerade nach Hause und haben den großen australischen Dichter Les Murray im Literarischen Colloquium (20 Uhr) gehört, den Beschwörer des „Hochsommereises“: „Ich aß so gerne das Eis, / brach mit dem grauen Stahl des Schlachtmessers / Stücke heraus. Es bewahrte gute Dinge auf / und trug einen komischen Kamm im Herzen. // Doch du erinnerst dich nicht. / Eine Stufe aus erstarrtem Bachwasser, tränenfarben, / doch du erinnerst dich nicht. / Ich werde sterben müssen, bevor du dich erinnerst."

Oder Sie haben Klaus Schlesinger die letzte Ehre erwiesen, der im Mai 2001 gestorben ist. Seine Heimat war die DDR, und aus seinen Erzählungen und Romanen steigt die im Hals kratzende Braunkohlenluft auf, der bröckelnde Putz, die Mauer – aber auch die Geruhsamkeit. Hoffnung bietet seinen Gestalten, die aus der Routine ausscheren, immer schon die nächste Straßenecke: In der Enge der DDR, heißt das, ist durchaus Platz für ein erfülltes Leben. Das Literaturforum erinnert an Schlesinger mit einem Film von Eduard Schreiber und einer Lesung aus dem unvollendet hinterlassenen Romanmanuskript (29.4., 20 Uhr).

Die Frage, ob eine Straßenbahn ein Drama ist, stellt sich in Berlin eher selten. Behaupten Sie aber allen Ernstes, „Die Kunst ist ein Schrank“, dann folgen Sie einer Maxime von Daniil Charms. Die literarische Gruppe Oberiu , eine Abkürzung für „Vereinigung der Realen Kunst“, machte sie sich 1927 zu eigen und löste einige Skandale aus, bevor man sie 1931 zwangsauflöst und einige Mitglieder verhaftet. Der Übersetzer und Herausgeber Peter Urban , eine Koryphäe auf dem Gebiet der russischen Literatur der letzten zwei Jahrhunderte, stellt Oberiu im Literarischen Colloquium am 30.4. vor, und aus den absurdspielerischen Texten wird auch gelesen (20 Uhr).

Eine „blasse Blondine“ um die Dreißig nennt sich die Frau, die vom 20. April bis zum 22. Juni 1945 ein Tagebuch führt, in das sie allerlei „hineinspeit“. „Eine Frau in Berlin“ (Eichborn) ist ein Bericht von der Rückseite des Krieges, von Bomben, Toten und Vergewaltigungen. Dieser Bericht erzählt von gut sechzig Tagen, an deren Beginn die alte Ordnung verschwindet und an deren Ende eine neue sich mit Registrierung, Arbeitszwang und Lebensmittelkarte etabliert. Der Ton erinnert an die Tagebücher Victor Klemperers: nüchtern, unerschrocken, auf den Augenblick konzentriert. Als „Morgen- und Abendgebet“ dient der „Anonyma“ ein NS-Propagandaspruch: „Dies alles haben wir Adolf Hitler zu verdanken.“ 1959 erschienen die Aufzeichnungen das erste Mal auf Deutsch und lösten Proteste aus. Jetzt liegen sie endlich wieder vor. Martina Mann liest im Literaturhaus aus ihnen (30.4., 20 Uhr).

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