Umberto Eco : Die Sehnsucht nach Verschwörungen
29.09.2011 15:13 Uhr
Sie zitieren die Protokolle und lassen Antisemiten zu Wort kommen. Damit berühren Sie ein Tabu, Sie könnten nämlich in antisemitischem Sinne missverstanden werden.
Tabus selbst sind ein Problem: Man spricht nicht mehr darüber, weil es ein Tabu ist! Nehmen wir das Beispiel der Homosexuellen. Heutzutage würde sich keiner mehr über einen Homosexuellen lustig machen. Das ist nicht politically correct. Aber in den mentalen Vorbehalten finden wir solche Tabus weiterhin. Sie sagen es nicht mehr in der Öffentlichkeit, aber im Privaten machen sie dann schlechte Witze über Homosexuelle. So ist es auch mit dem Antisemitismus. Man blendet diese Positionen aus, aber bei vielen spuken sie im Kopf herum.
Gerade in diesem Punkt gab es in Italien Kritik an Ihrem Roman.
Das betrifft gerade mal drei von 50 Artikeln. Sie erschienen in der Zeitschrift „Pagine ebraiche“ (Jüdische Blätter) und mahnten respektvoll: Gut, wir haben verstanden, was du erzählen willst, aber manch naiver Leser könnte dadurch, dass du all diese Argumente in die Öffentlichkeit trägst, verführt werden. Meine Antwort lautete: Man darf sich davon, dass es irrsinnige Leser gibt, nicht erpressen lassen. Das ist so, als ob ein katholischer Bischof sagen würde, 16-Jährige sollten den fünften Gesang aus Dantes „Inferno“ nicht lesen, denn er könnte ihnen die ehebrecherischen Fantasien von Paolo und Francesca von Rimini schmackhaft machen. Oder Dostojewskis „Schuld und Sühne“ könnte den Leser auf den Gedanken bringen, alte Frauen zu ermorden.
„Der Friedhof in Prag“ ist in Italien wieder ein großer Erfolg. Sind solche Erfolge für Sie inzwischen selbstverständlich?
Sie überraschen mich immer noch ein wenig. Der Erfolg von „Der Name der Rose“ überschattet natürlich alles. Das ist wie mit García Márquez und „Hundert Jahre Einsamkeit“. Er hätte danach den „Faust“ oder „Die göttliche Komödie“ schreiben können. Die Leute denken immer an den ersten Roman. Ich bin überzeugt, dass „Im Namen der Rose“ niemanden interessiert hätte, wäre das Buch zehn Jahre früher oder später herausgekommen. Bücher haben Glück, wenn sie im richtigen Moment erscheinen. Fragen sie mich nicht, welcher das ist. Wenn es einer wüsste, wäre er der beste Verleger der Welt.
Zum Schluss etwas Persönliches. Seit kurzem tragen Sie nur noch einen Schnurrbart. Warum?
Erstens gefällt es mir, mich morgens zu rasieren und anschließend das Aftershave aufzutragen, ein Gefühl, das ich seit mehr als vierzig Jahren nicht mehr hatte. Zweitens hatte ich einen vollständig weißen Bart, während Schnurrbart und Haare schwarz sind. Der schwarze Schnurrbart uferte aus und auf den Fotografien schien ich Dschingis Khan zu sein. Das störte mich. Und ich konnte den Bart nicht färben, denn es ist wissenschaftlich bewiesen, dass man zwar die Haare, aber nicht den Bart färben kann
Das Gespräch führte Reinhold Jaretzky.






