Kultur : Umblättern, weiterschweben

Bodo Mrozek

lässt sich beim Tanzen vorlesen Die Zeiten, in denen Lesung und Musik zusammengingen, seien vorbei, dachte man. Verschwommen tauchen bärtige Beat-Poeten vor dem inneren Auge auf, die zu dem irren Kreischen eines Saxofons irgendwelche Schmähungen in die von Marihuanaschwaden vernebelte Bühne hinausschreien. Heute winkt man bei derlei Attitüden müde ab. Und auch die Neunzigerjahre, als ganze Hundertschaften auf Lesungen erschienen, die sich dann zu rauschenden Festen bis in die frühen Morgenstunden auswuchsen, schienen überstanden. Gäbe es da nicht „Die andere Nacht“ , die angetreten ist, das Gegenteil zu beweisen und Buch und Schallplatte wieder in einer Party zusammenzuführen. Zwar ist die Kalkscheune (Johannisstraße 2, Mitte) weder ein besonders intimer Club noch ein Geheimtipp. Diejenigen, die ihr Ticket im Vorverkauf bestellen, werden hier von Szene-Allüren und Spezialistenmusik nahezu gänzlich verschont, finden dafür aber Würstchenstände im Innenhof vor. Und wenn die „andere Nacht“ am 23. April um 21.30 Uhr in die vierte Runde geht, ist mit Jenni Zylka eine Künstlerin eingeladen, die gleichermaßen am Lesepult und an den Plattenspielern zu Hause ist. Zylka, regelmäßige Autorin dieser Kolumne, schreibt in ihren Büchern „Beat, Baby, Beat“ und „1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann“ (Rowohlt) darüber, wie man sich als Frau im Berliner Nachtleben zwischen Amateurbands, Tresen und Plattenkisten verlieren kann. Den Soundtrack zum Buch wird sie anschließend aus ihren umfangreichen Plattenkisten auflegen. Außerdem lesen Eva Menasse , Peter Prange und Michael Lentz , DJ ist der Berliner Funk- und Latin-Experte Señor Boogie. So kann man nach Belieben zwischen Tanzfläche, Lesebühne und Innenhof wechseln, und all dies wird wieder einmal beweisen, dass die ernste Sphäre der Literatur und die hedonistische der Party sich nicht widersprechen müssen.

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