Kultur : Umdenken: Fischer für Ossis

Wir geben ja zu, ganz am Anfang so etwas wie "klammheimliche Freude" empfunden zu haben. Eine terrorismusverdächtige Emotion, schon klar. Aber wie der Fischer damals bei Gauck saß. Wie der Oberossi. Diese Selbstrechtfertigungen! Gauck, Fischers Wehrsportübungen nachspürend, ernst, besorgt, fragt nach paramilitärischen Selbstverteidigungsübungen: "Sie waren im Wald?" - Fischer, gefasst, reumütig: "Ja, ich war im Wald." Mein Gott, war das ostig. Aber jetzt wird es Zeit. Wir plädieren für ein radikales Umdenken im Fall Fischer! Und zwar unter dem Gesichtspunkt der deutsch-deutschen Vereinigung. Was, wenn nicht mal der Außenminister den Umstand übersteht, nicht immer schon Ähnlichkeit mit sich selbst gehabt zu haben?

In Wirklichkeit leistet er gerade den Beitrag zur deutsch-deutschen Verständigung, bloß dass die CDU das nicht mitkriegt. Hättet ihr uns nicht schon viel früher sagen können, was für Parteien ihr gegründet habt? KPD, KBW, KPD/ML, KABD, PL/PI, KB - lauter radikal-marxistisch-leninistische Splitterzellen auf maoistischem Boden mit ultra-trotzkistischem Einschlag. O Mann, klingt SED langweilig dagegen. Und wir haben immer geglaubt, ihr habt nach eurem Kommunen-Sex völlig zugekifft gegen den Vietnam-Krieg demonstriert und seid abends zum Stones-Konzert gegangen. Nun das. Aber selbst im Kommunistische-Parteien-Gründen, wart ihr uns überlegen. Oder die Solidarität mit der PLO. Keiner hat uns gefragt, ob wir lieber für Israel oder die PLO sein möchten. Ihr dagegen habt bewusst gewählt. Kampf gegen Israel "bis zum Endsieg". Bei einer PLO-Solidaritätskonferenz in Algier beschlossen. Fischer sagt, er war inzwischen die Stadt angucken. Sicher aus Protest gegen die Formulierung. Das ist so souverän.

Und wie widerwillig wir im Osten unseren Marx gelesen haben. Weil wir ja mussten. Ihr dagegen tatet es freiwillig, aus Überzeugung. Das ist viel, viel schöner. Wahrscheinlich seid ihr auch noch die besseren Marx-Kenner. Und wir lasen am liebsten alles, was verboten war. Wahrscheinlich hättet ihr es verächtlich "reaktionäre Scheiße" genannt. Obwohl, die Sache mit Adorno haben wir euch übel genommen. Dem Mann mit nackten Blumenkinderbusen die Vorlesung kaputtzumachen! Revolutionäre Bewegungen sind immer geistfeindlich. Ihr wart es auch. Aber trotzdem. Ihr wart so wunderbar ihr selbst. Nicht mal Polizisten-Treten haben wir uns getraut. Viel zu feige. Nur Angela Merkel gibt dieses Versäumnis jetzt ein Gefühl moralischer Überlegenheit.

Nein, es lässt sich nicht länger leugnen. Wir haben eine gemeinsame Vergangenheit. Bloß ist eure eben auch marxistisch-leninistisch gesehen ein bisschen leuchtender. Vor allem aber liegt die Gemeinsamkeit im Abschied von der Illusion, einen neuen Menschen, eine neue Welt schaffen zu können. - Sah die DDR nicht immer schon uralt aus? Nur kann man das eben auf sehr verschiedene Weise formulieren. In den letzten zehn Jahren dachten wir, das bundesrepublikanische Durchschnittsbewusstsein wäre noch nie so richtig über den Altkanzler-Satz "Kommunisten sind rotlackierte Faschisten" hinausgekommen. Wohlstand, überlegten wir, macht eben auch ein bisschen dumm. Das ist überhaupt sein einziger Nachteil. Wir wollten ihn so gern in Kauf nehmen, und doch - so viel Antikommunismus schien manchmal genau so einfältig wie der Klassenkampf und Antiimperialismus der DDR. Ihr hättet es besser wissen müssen. Heute sind wir euch viel näher.

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