Kultur : Umgang mit dem Terror: Der Krater des Bösen

Peter von Becker

Der klügste Satz ist einer des Bundeskanzlers. Gerhard Schröder hat Anfang der Woche, und gestern bekräftigt in seiner Regierungserklärung, nicht mehr vom "Kampf der Kulturen" gesprochen, sondern die Auseinandersetzung mit dem neuen Terrorismus einen "Kampf um Kultur" genannt. Richtig verstanden meint dies nach den Anschlägen in New York und Washington aber viel mehr als nur die (ganz selbstverständliche) Behauptung zivilisatorischer Standards gegen Attacken der Barbarei. Das Wort vom "Kampf um Kultur" zielt schon auf einen Kern, wo alle übrige Erkenntnis erst dabei ist, die äußere Schale zu durchdringen.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Nie zuvor ist ja ein Verbrechen so öffentlich gewesen und zugleich so geheim und geheimnisvoll. Milliarden Menschen haben bei der doppelten Zerstörung des World Trade Centers die Bilder der Tat gesehen, tagelang, immer wieder, aber wir spüren, dass in dem Grauen etwas bisher Unerklärliches liegt: jenseits noch der schärfsten Vernunft. Die Tat wird auch so zur Untat - weshalb die immer gleichen Fernsehbilder selbst bei der hundertsten Wiederholung nichts von ihrer grausigen, irrsinnigen Suggestion verlieren. Jedes Mal denken wir, der drohende schwarze Vogel, der da so elegant die letzte Kurve nimmt, er könnte diesmal doch an jenem zweiten Turm, dem bisher unversehrten Wolkenkratzerzwilling, vorbei fliegen, das Normale tun. Und dann der fürchterliche Feuerblitz.

Was so anomal und fatal irreal wirkt, wird von den Kindern des Kino- und Medienzeitalters im ersten Impuls auf die Ebene des Science-Fictionhaften verschoben. Der amerikanische SF-Autor Ray Bradbury ("Fahrenheit 451") hat bereits vor 30 Jahren einmal betont, die Fiktion existiere schon, jetzt müßten wir nur noch "die Realität erfinden". Da die Anschläge in New York und Washington aber wirklich sind, geht es nun darum, die Realität des Geschehenen zu finden. Und zu ergründen.

Wenig trägt hierzu der oft wiederholte Verweis auf die äußerliche Symbolik bei: auf Amerikas ersten Luftkrieg überm eigenen Kontinent, auf das Pentagon als Zentrale der Militärmacht und auf Manhattans Türme als Kathedralen des Westens. Das besonders Fatale liegt, außer für die Angehörigen der Opfer, auch nicht in der Zahl der Toten. Zumal wir, anders als bei vielen anderen Gräueln, die Mehrzahl der Toten so wenig wie die unmittelbaren Täter je sehen werden. Sie wurden beide in der Katastrophe gleichsam atomisiert. Und nun können die Überlebenden die Verlorenen in den meisten Fällen nicht einmal mehr bestatten; das demütigt die Trauer: ein zweites Trauma. Was Hightech-Hirne in Uniform "chirurgische Schläge" nennen, hat sich nun in doppelter Perversion gegen Zivilisten gewandt.

Im "Hamlet" steht, dass noch mehr ist zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit ("our philosophies") träumen lässt. Doch nur eine Gewalt, die wir vernünftig begreifen und interpretieren können, ist für den Einzelnen und die Gesellschaft irgendwann zu bewältigen: auf dass wieder so etwas wie "Normalität" beginnen kann. Hier indes merkt jeder, dass der kollektive Ausnahmezustand noch immer anhält - gewiss nicht nur wegen einer allgemeinen Kriegsgefahr. Alexander Kluge hat letzten Sonntag im Tagesspiegel-Interview gesagt, er habe als Fernsehzuschauer an jenem 11. September im ersten Moment an ein gigantisches elektronisches Ausrasten gedacht: Ihm seien die Flugzeuge wie "ferngesteuerte Wahnsinnsbienen" erschienen. Dann wurde ihm klar, es war auch kein Film, sondern der "Einbruch der Wirklichkeit". Und der Rationalist Kluge wähnt sich nun "nicht mehr sicher, dass es das Böse nicht gibt".

Das Wirkliche jetzt, in Manhattan und in den Köpfen, ist ein Krater. Die Wirklichkeit ist noch nicht erfasst. Dazu hat sich soeben ein Spezialist für die Dunkelgründe des Bösen zu Wort gemeldet. Auch Stephen King, der erfolgreichste Horror-Autor der Welt, betont in einem vorab im Internet verbreiteten Kommentar für das Magazin der "New York Times" am kommenden Sonntag, dies alles habe weder mit Fiktionen noch mit höherer Wissenschaft zu tun. Die Realität sei, dass ein paar Typen mit nicht viel mehr als Messern und Teppichschneidern, mit Waffen, die "weniger als 100 Dollar" gekostet hätten, sehr erfolgreich gewesen seien. Man müsse dabei nicht erst auf einen Bin Laden schauen. Schon die beiden amerikanischen Boys, die 1999 als Amokschützen ihre High School in Littleton besetzten, hätten anschließend eine Flugzeugentführung geplant, um mit der Maschine, so betont King, eben ins World Trade Center zu rasen. Für ihn sind die Terroristen gleichsam Nachbarn - und die Nachahmer warteten schon.

King freilich trivialisiert den Fall. Das macht auch Hans Magnus Enzenzberger in seinem Aufsatz für die FAZ am Dienstag. Seit längerem schon überzeugt von der Drohung globaler Bürgerkriege und terroristischer Aufstände gegen "die Moderne", reiht Enzensberger die Täter von Washington und New York fast umstandslos ein in die Reihe psychopathologischer Fanatiker und Wichtigtuer, die "das Massaker als Medienspektakel inszenieren". Enzensberger konstatiert (und konstruiert) dabei auch eine allgemeine "Lust am Untergang", durch die jegliche Beweggründe amoklaufender Selbstmörder austauschbar würden (egal ob Aids-krank, politisch radikal oder religiös besessen).

Was partiell richtig ist, wird von Enzensberger so salopp verallgemeinert, dass man auf der generellen Richtigkeit des Gegenteils bestehen muss. Kolektive Selbstmorde sind der sektiererische Ausnahmefall, Kamikaze als aggressives Harakiri wäre auch in Japan als heutige Militärstrategie ungefähr so aktuell wie ein Krieg der Samurai. Und der hoffnungslos Aidskranke, der mit seinem Blut als Rache an der Gesellschaft noch Hunderte mit in den Tod nehmen möchte, ist eine Horrorfantasie geblieben. Obwohl es längst möglich wäre: Auch ein Dr. Mabuse oder Dr. Seltsam der Atom- und Biowaffenlabore ist aus der Fiktion noch nie in die Wirklichkeit entsprungen.

Wir haben den Kalten Krieg durch das Gleichgewicht des Schreckens, durch die Angst vor dem nuklearen Selbstmord überlebt. "Der Mensch ist ein Tier, das weiß, dass es sterben muss." Und deshalb so lange und so gut wie möglich leben will. Auch nach dem 11. September gilt dieser Satz von Dürrenmatt weiter. Der länger vorbereitete Selbstmord bleibt, allen freudianischen, hooliganischen Destruktionslüsten zum Trotz, ein Fall für Verzweifelte, unheilbar Kranke und heillos Todessüchtige.

Im übrigen, hat Sartre in seinem Baudelaire-Essay beschrieben, ist der Selbstmord absurd, weil der Selbstmörder die Früchte seiner Tat nicht genießen kann. Dies versuchen islamische Fundamentalisten mit dem Wahnglauben außer Kraft zu setzen, dass der Selbstopferer im "Heiligen Krieg" sogleich mit der Gegenwart Gottes belohnt würde. Die Sprengstoffattentäter in Israel aber sind Depravierte aus den Elendslagern in Gaza oder dem Libanon, es sind kaum Gebildete, Verführte, oft unter Drogen gesetzt, denen man ein besseres ewiges Leben verspricht.

Wie sich dieses atavistische Märtyrer-Modell auf eine verzweigte Gruppe von Ingenieuren, Technikern, Piloten übertragen lässt, die nicht in einer geschlossenen, tyrannischen oder unter explosivem Druck stehenden Gemeinschaft leben und über Jahre hin in Hamburg oder Florida unauffällige Bürger, Liebhaber, Ehemänner und Familienväter waren - das ist jetzt das Rätsel. Die Ideologie des Verbrechens vom 11. September ist erklärbar; die perfekte Logistik allerdings ist ein Phänomen. Gleichzeitig bleibt manches ungereimt: Warum haben die Täter ihre Identität nicht verborgen und sind mit ihren richtigen Ausweisen geflogen? Wurde das Gepäckstück mit einem Abschiedsbrief (der im geplanten Crash verbrannt wäre) etwa absichtlich zurückgelassen - und was steht in dem Brief?

Natürlich fahndet die Welt nach dem oder den Befehlsgebern. Ebenso entscheidend aber ist die Frage, was war die Kraft, die diese jahrelangen "Schläfer" auf einen Schlag geweckt hat - und in einem offenen System so ausnahmslos zu sofortigem Selbstmord im Massenmord bewegen konnte? Die Täter kommen ja nicht von einem fremden Stern, waren auch keine Gotteskrieger aus dem Hindukusch. Mit Ideologie, Antimodernismus, Antikapitalismus, religösem Wahn oder Geltungssucht ist das allein kaum erklärbar. Diese Dunkelstelle nennt Alexander Kluge vorerst "das Böse".

Jeder Vergleich mit dem Holocaust ist natürlich abwegig. Aber die Verbindung von technisch-rationaler Kaltblütigkeit mit einem zur (Selbst-)Ausrottung fähigen Tötungswahn hat etwas von einer zivilisationsbrechenden Dämonie. Der Massenmord vom 11. September war rachegottgleich gegen jegliches Leben gerichtet. Kultur aber heißt im Kern: Leben. Leben pflegen, gestalten, erhalten. Darum ist die Antwort auf ein Menschheitsverbrechen: der Kampf um Kultur.

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