Umquartierung : Geister ziehen nicht gern um

Auch Häuser haben ihre Launen, ihr geheimes Leben. Sie speichern Erinnerungen und schweigen trügerisch. Theater und ihre Architektur – und die Umquartierung der Staatsoper.

Rüdiger Schaper
Admiralspalast Foto: Davids
Tempel oder temporär. Der Zuschauerraum des Admiralspalasts. -Foto: Davids

Schlechte Behandlung durch die Menschen zahlen Häuser manchmal heim – zumal wenn es sich um Theaterhäuser handelt. Sie sind, ob Oper oder Schauspiel, immer mehr als ein Gehäuse für die Kunst. Sie atmen die Seele des Unternehmens.

„Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theaterhandlung notwendig ist. Allerdings, wenn wir vom Theater sprechen, meinen wir etwas anderes. Rote Vorhänge, Scheinwerfer, Blankverse, Gelächter, Dunkelheit …“, schrieb der große Regisseur Peter Brook Anfang der sechziger Jahre. „Nackte Bühnen“ haben sich seither stark vermehrt, mit der Ästhetik der Performance. Aber Plüsch, Kronleuchter, Deckenmalerei geben immer noch den Rahmen – in scharfem Kontrast zu dem, was auf der Bühne passiert.

Kann Architektur Theater machen, selbst sogar Theater sein? Die existenzielle Frage stellt sich beim geplanten Umzug der Berliner Staatsoper. Peter Stein, wie man aus der Geschichte weiß, wurde nach dem Umzug vom Halleschen Ufer an den Kurfürstendamm nie glücklich. Seine Nachnachfolger im Mendelsohn-Bau haben sich dort in kleineren Parzellen eingerichtet. Selten nur, wie bei Sasha Waltz’ „Körper“-Choreografien, wurde dort die ganze Dimension des leeren Raums aufgerissen. Das Theater neigt heute zu kleineren Formaten wie die Schachtelkinos. Steins „Wallenstein“ am theaterfernen, monumentalen Spielort in Neukölln war eine gewagte Ausnahme.

Oskar Kaufmann – von ihm stammen das Renaissance-, das Hebbel-Theater und auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – konstatierte 1909 in seiner Schrift „Der moderne Theaterbau“, der Architekt müsse sich entscheiden, „ob er bei seinem Bauen an eine zierliche Monumentalkunst, an ein intim psychologisches Drama, an ein heiteres Gelächter oder an tragischen Ernst denken will. Danach muss er es dann dem Schicksal überlassen, ob die theatralischen Inhalte in diesem Hause die von ihm geschaffene Form organisch füllen werden.“

An der Volksbühne sieht man jetzt, wie ein Bau Schicksal spielen kann. Der Riesenbunker, dies Ding von „schlagender Hässlichkeit“ (so einst Ivan Nagel), drückt Frank Castorfs Theater erbarmungslos zu Boden. Drückt auf den Geist, die Fantasie, die Nerven. Das schrumpfende Volksbühnen-Ensemble weiß dieser schwerkräftigen Urgewalt wenig entgegenzusetzen – während es Mitte der neunziger Jahre, als der Mythos Volksbühne Fahrt aufnahm, Castorf & Co. als Heldentat angerechnet wurde, wie sie die Riesenhülle mit unvergesslichen Inszenierungen vollpumpten. Castorf hat immer wieder beklagt, dass jüngere Regisseure nicht in der Lage seien, das in der Volksbühne unbedingt erforderliche große Format zu stemmen. Nun lassen die Kräfte des Meisters nach, und es geht ihm selbst nicht viel besser als einst all den Castorf-Adepten. Sie konnten die Hülle nicht füllen.

Architektur und Erfolg. Bau und Boom – oder Baisse: In den Berliner Opernhäusern hat dieser Zusammenhang fast schon Gesetzeskraft. Betritt man den Zuschauerraum der Komischen Oper, fühlt man sich sogleich angekommen und angenommen. Oper ist im Grunde eine fremde, gefährliche Welt, aber in der Behrenstraße herrschen offensichtlich Idealmaße. Es mag noch so viel von künstlerischem Profil die Rede sein, von der notwendigen Abgrenzung der drei Opern untereinander und so weiter. Im ewigen Berliner Opernkrieg darf die angenehme Architektur der Komischen nicht unterschätzt werden; sie ist ihre beste Lebensversicherung.

Die Deutsche Oper dagegen hat ein Volksbühnen-Problem. Floriert der Betrieb – das war nach allgemeiner Wahrnehmung schon lange nicht mehr der Fall –, dann stört die aus den Fugen geratene Sperrholzkiste nicht. Fehlt der Intendanz die Fortune und häufen sich die Pannen, wird es sehr einsam in dem Gebäude von Fritz Bornemann, das, wie das ehemalige Theater der Freien Volksbühne, heute Haus der Berliner Festspiele, den breiten Theateroptimismus der frühen Sechziger ausstrahlt – und den Beharrungswillen des einst eingeschlossenen West-Berlin. Die Zeit ist darüber hinweggegangen, die Hülle blieb stehen. Die „große Oper“, die an der Bismarckstraße Platz hätte, überlebt allein als Desiderat. Ähnlich sieht es im Sprechtheater aus: Kein Zufall, dass das Deutsche Theater, ein kommoder Raum mittlerer Größe, so sehr mit den auf Präzision geeichten Spieluhr-Klassikern eines Michael Thalheimer reüssiert.

Zu den Launen der Architektur gehört, dass hinter einer prächtigen Fassade die Substanz verrottet. 2010 soll die Staatsoper umziehen, sie wird von Grund auf saniert. Sie muss für einige Jahre aufgeben, was sie der Konkurrenz voraushat: die Location Unter den Linden und den repräsentativen Glanz des Knobelsdorff-Baus. Warum sonst hat der Senat versucht, die Staatsoper in Bundesregie abzugeben? Daniel Barenboims Strahlkraft und sein Einfluss spielen eine große Rolle bei der kulturpolitischen Strippenzieherei. Letztlich aber glitzert hier auch die Immobilie in der Hauptstadt-Mitte, sie überstrahlt und überdeckt so manchen Kunstfehler.

Staatsoper also künftig im Admiralspalast, wenn es nach Barenboim geht – oder Staatsoper im Schillertheater, wofür sich Intendant Peter Mussbach ausspricht? Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit scheint das Ausweichquartier an der Bismarckstraße zu favorisieren. Die Kosten beiseitegelassen (angeblich ist der Admiralspalast günstiger): Das Schillertheater verströmt immer noch, vierzehn Jahre nach Liquidierung der Staatlichen Schauspielbühnen, den Geruch von Theatertod. Der Admiralspalast, vor gut einem Jahr wiedereröffnet, bietet eine zentrale Lage, besitzt uralte Musiktheatertradition und verspricht rundherum den lebendigeren spirit.

Es ist kein Geheimnis, dass es in Theatern spukt. In den Wänden sitzen die Hausgeister. Sie sind meist guter Natur, aber auch nachtragend, wenn man sie missachtet. An der Staatsoper wird ihnen zur Besänftigung ein 200-Millionen-Euro-Opfer gebracht.

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