Kultur : Umschwung im Abtauchen

Das kleine Welttheater: Max Beckmanns nie zuvor gemeinsam gezeigte Aquarelle und Pastelle in Frankfurt am Main

Bernhard Schulz

Bruder und Schwester sind inzestuös ineinander verkeilt – wäre da nur nicht das gewaltige Schwert, das als Drohung kommenden Unheils zwischen ihnen steckt. Odysseus ist an den Mast gefesselt, die lockende Sirene zum Greifen nahe, wären nicht allein schon ihre widerlichen Krähenfüße Warnung genug. Europa wird vom Stier entführt, ein Stück widerstrebendes Menschenfleisch auf dem gewalttätigen Tier. Diese drei Blätter zieren die Hauptwand der Ausstellung „Max Beckmann. Die Aquarelle und Pastelle“, die die Frankfurter Schirn Kunsthalle derzeit ausrichtet. Alle drei sind 1933 entstanden, einem der für die Arbeit auf Papier fruchtbarsten Jahre des Künstlers, der soeben seine Frankfurter Professur verloren hatte und die Stadt nach 17 Jahren für immer verließ.

Zu Max Beckmann (1884 –1950) hat es seit Anfang der Achtzigerjahre eine kaum noch zu überschauende Reihe von Ausstellungen gegeben. Seine Stellung als Jahrhundertkünstler der Deutschen ist unangefochten. Umso erstaunlicher, dass Aquarelle und Pastelle bislang keine eingehende Beachtung gefunden haben. Gemeinhin gelten diese Gattungen als Nebenbahnen, auf denen ein Künstler sich zu entspannen pflegt, Bildideen ausprobiert oder einfach Beiläufiges festhält.

Das gilt für Beckmann – auch, aber eben nicht nur. Die drei erwähnten Blätter markieren den gewaltigen Umschwung, den seine Kunst nach der Vertreibung durch die Nazis nahm. Mit dem Abtauchen im Berliner Häusermeer und der vier Jahre späteren, fluchtartigen Emigration nach Amsterdam – am Tag nach Hitlers Brandrede zur Kunst – entstand der große Mystiker und Mythologe, als der uns Beckmann in seinen Gemälden ab 1933, vor allem den einzigartigen Triptychen, entgegentritt. Es entstand zugleich – die drei Blätter sind erste Zeugnisse – der unvergleichliche Kolorist, dem die Farbe nicht länger allein der Wiedergabe äußerer Realität diente, sondern zugleich als Träger eigener Bedeutung.

Vor gut einem Jahrdutzend machten sich Siegfried Gohr, ehemaliger Direktor des Kölner Museums Ludwig, und Künstlerenkelin Mayen Beckmann daran, das Werkverzeichnis der Aquarelle und Pastelle zu erstellen. Es erwies sich als ungeheuer mühsames Unterfangen. Als Max Hollein, der junge und agile Direktor der Schirn (und mittlerweile in Personalunion des ehrwürdigen Museums Städel) davon erfuhr, drängte er auf eine Ausstellung. Auf diese Weise beförderte er den Abschluss des Verzeichnisses, das der Frankfurter Ausstellung als Katalog dient.

Zu Recht, denn zwei Drittel des gesicherten Bestandes von 148 Eintragungen konnten ausgeliehen werden – schier unglaublich angesichts der mehrheitlichen Ausleihe aus Privatbesitz. Nie hat man auch nur einen annähernden Teil dieser Blätter zusammen sehen können, und auf Jahrzehnte hinaus wird sich das Ereignis nicht wiederholen lassen.

Gewiss hat Beckmann die Arbeit in Aquarell und Pastell nur als Nebentätigkeit ausgeübt. Dafür spricht die höchst ungleiche Produktivität über die Jahre hinweg. Doch hat er in staunenswerter technischer und stilistischer Vielfalt alle Möglichkeiten genutzt, die diese „schnellen“ Medien boten – ihm, der bis zur Erschöpfung seine Gemälde zu überarbeiten pflegte, wovon seine Tagebücher berichten. Demgegenüber ist die Mehrzahl der 100 gezeigten Blätter von eher leichter Thematik, oft auch von leisem Humor, als wolle sich der Welttheater-Berserker gelegentlich gehen lassen.

Wunderbare Blätter sind so entstanden, Porträts, Landschaften, kleine Begebenheiten. Aber bei Beckmann muss der Betrachter stets auf der Hut sein. Denn gänzlich harmlos geht es nirgends zu. Der Holzfäller blickt melancholisch auf seine getane Arbeit, die Damen im Café starren ins Leere, die Sterne über dem Strandhimmel blitzen in orangefarbenen Explosionen. Das „Atelier“ von 1934 – also nach Verlust von Amt und Würden – ist nichts weiter als ein über zwei Armlehnen gelegtes Brett mit Malutensilien. Verwirrend ist auch das „Wohnzimmer des Künstlers“ von 1931 – mit Kronleuchter, Ohrensessel und schweren Vorhängen. Dass Beckmann, der doch den mondänen Auftritt in den Foyers und Bars der allerersten Hotels so sehr schätzte – und vielfach malte –, derart spießig-wilhelminisch lebte, muss erstaunen.

Außerordentlich ist das Blatt „Abbruch des russischen Pavillons“ von 1938. Es zeigt die Demontage des Sowjetpavillons der Pariser Weltausstellung vom Vorjahr; deutlich ist die Monumentalskulptur „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ auf dem bereits ausgeweideten Bauwerk zu erkennen, im Hintergrund der Eiffelturm. Die topografische Genauigkeit bei aller Freiheit der Formfindung lässt an Kirchner denken. Beckmann versagt sich in der Regel jeden Kommentar zum Zeitgeschehen. Hier aber hat ihn ein einziges Mal ein politisch hoch aufgeladenes Sujet gereizt, in der für ihn prekären Situation als Exilant in der von ihm zuvor über viele Jahre hinweg regelmäßig aufgesuchten Hauptstadt der Kunst.

Denn so hat Beckmann Paris empfunden. Sein Ringen um Anerkennung neben den Größen dieser Stadt ist mittlerweile gut erforscht. Spuren davon finden sich auch in den leichthändigen Papierarbeiten. Und doch wird nie ein Matisse daraus, wenn Beckmann ein dekoratives Stillleben malt, und kein Picasso, wenn er sich, leidenschaftlich gerne, dem weiblichen Akt widmet. Beckmann ist Beckmann – Einzelgänger und Gigant zugleich. Diese Ausstellung unterstreicht es, so leicht und schwebend, wie Beckmanns Arbeit auf Papier nur eben sein kann.

Frankfurt, Schirn Kunsthalle, bis 28. Mai. Katalog, zugleich Werkverzeichnis, bei DuMont, 29,80 €, im Buchhandel 68 €.

Max Beckmann (1884-1950) hat sich ein Leben lang im Selbstporträt erforscht. Bereits als junger Künstler nutzte er dazu auch die Grafik. Das Frankfurter Museum Städel zeigt parallel zur Schirn Kunsthalle eine Auswahl „Maler-Graphik in Schwarz“, die die frühe Auseinandersetzung mit berühmten künstlerischen Vorbildern belegt.

Später hat sich Beckmann immer wieder selbst dargestellt. Das Selbstbildnis von 1938 mit verschattetem Gesicht darf wohl auch als Ausdruck seiner schwierigen Lage im Exil gedeutet werden.

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