Kultur : Umsonst und draußen

Street-Art verwandelt Straßen über Nacht in Kunstwerke. Unterwegs mit zwei Aktivisten

Katja Hübner

Auf einem Fußgängerweg steht ein ausrangierter Kühlschrank. „Das ist eine limitierte Ausgabe“ steht in großen Buchstaben darauf geschrieben. Auf einem Glascontainer vor dem Supermarkt kleben zwei Schwarz-Weiß-Poster mit dem lächelnden Gesicht von Uschi Glas. An ein Blechtor ist ein Mann ohne Augen, Nase, Mund gemalt. In seinem Gesicht liest man stattdessen den Satz „Ich geh kaputt“.

Wer aufmerksam hinschaut, kann durch Berlins Straßen wie durch eine Galerie gehen und kleine, poetische Botschaften in Form von Fotokopien, Tapetenbahnen oder Sprühschablonen entdecken. Sie hängen an Zäunen, Wänden, Spanplatten, Verkehrsschildern, Trafohäusern oder Containern. Es sind die Werke von Street-Art-Aktivisten, Straßenkünstlern wie Nomad und Miss Riel. Immer neue Methoden kreieren die Straßenkünstler, um mit Bildern und Worten kleine Geschichten zu erzählen. Nicht mehr nur wie früher mit der Spraydose, sind sie jetzt mit Stiften, Styropor, Papier, Kleber und Schere unterwegs. Tag und Nacht verändern sie die Stadt. Manchmal nur für Minuten. So lange etwa, bis ein Hausmeister oder die nächste Stadtreinigung ihre Werke wieder entfernt.

Neben Mailand und Barcelona ist Berlin das Mekka der Street-Art-Szene. „Berlin hat einen wahnsinnig guten Stellenwert“, meinen auch Nomad und Miss Riel. „Diese ehemals ausgebombte Stadt ist groß und weit, hat viele Brandmauern und riesige verlassene Abenteuerspielplätze.“ Viel Raum für Kunst also, nicht umsonst fand deshalb wahrscheinlich auch vor zwei Jahren hier die erste internationale Street-Art-Ausstellung statt. „Backjumps – The Live Issue # 2“ setzt sie nun in zweiter Folge im Kunstraum Bethanien in Kreuzberg fort.

Mit dabei sind auch Nomad und Miss Riel. Der gebürtige Bayer und die Isländerin leben seit fast zehn Jahren in Berlin und agieren in der internationalen Street Art Szene. Das Paar erinnert ein wenig an ein Gangsterpärchen: Nomad besitzt tätowierte Arme und eine modische Bloghead-Frisur, seine blonde Komplizin strahlt eine ungebändigte Energie aus. Die beiden leben und arbeiten zusammen - gelegentlich auch illegal. Ihre Namen sind Künstler- und Decknamen zugleich.

„Nomad ist mein eigener Superheld“, erklärt Nomad seinen Namen, „er hat sich meinen Körper geschnappt.“ Er sei ein Reisender, der nie länger als nötig an einem Ort verweilt. All dies fing vor zwanzig Jahren an, als der heute 35-Jährige in der Szene aktiv wurde. Als Jugendlicher begeisterte ihn in den Achtzigerjahren die amerikanische Kultur. Er hörte Hip-Hop und fuhr Skateboard. Es zog ihn auf die Straße. Dort lernte er deren Grenzen kennen. „Beim Skateboarding muss man die Gefahren, die auf der Straße lauern, mit Tricks umgehen, damit man nicht fällt“, sagt Nomad. Genau so sei es mit den Graffiti, die er in dieser Zeit zu zeichnen beginnt: „Es bringt nichts, einen Stil zu versuchen, den man nicht beherrschen kann.“ Nomad studierte Fotografie, beschäftigte sich mit Kunstgeschichte und Malerei.

Er entwickelte das Graffiti-Medium für sich weiter. Er experimentierte so lange, bis er mit seinem „Charakter“, seiner unverwechselbaren Handschrift, die er auf der Straße zurückließ, zufrieden war.

Auch Miss Riel hat Kunst studiert. Über ihre Kommilitonen an der Kunsthochschule Weißensee kam sie zur Street-Art. „Die Straße ist der Ort, wo man vorurteilslos arbeiten kann“, sagt sie. „Es gibt dort keinen Kurator. Aber es gibt eine Menge von Leuten, mit denen du kommunizieren kannst.“ Als die 25-Jährige vor kurzem ein selbst gefertigtes Plakat aufhängte, fragte eine alte Dame sie, was das solle. Miss Riel erklärte es ihr. Diese Art von Austausch gefällt Miss Riel. Und darin liegt auch der Unterschied zur herkömmlichen Kunst: Die Street Art ist nicht weggeschlossen. Sie bietet einem die Möglichkeit, im offenen Raum kreativ zu sein.

Oft ziehen beide gemeinsam durch die Straßen. Immer haben sie einen Stift dabei. Sie bemalen Steine, Platten, verwaiste Kühlschränke. Jede Botschaft, die sie hinterlassen, ist zugleich eine Brandmarke, die man überall wiedererkennt. Manchmal haben sie ein Konzept, manchmal ist es spontane Inspiration vor Ort. Die Kunst auf der Straße ist für Nomad wie ein Teil seines Lebens. Es ist wie Atmen. „Die Stimmung vom Tag entscheidet“, sagt er, „ist es Depression oder nur Langeweile. Schreibe ich einen Namen? Male ich eine Figur? Oder beides?“

Die Schrift, das so genannte „Writing“ ist Nomads künstlerische Ausdrucksform: Dabei kommt es ihm auf Linie, Form und Farbe an. Es kann passieren, dass der entrümpelte Müll, den Nomad am Morgen verziert, am Nachmittag schon nicht mehr da ist. Nicht weil die Müllabfuhr ihn beseitigt hätte. Jemand hat ihn mit zu sich nach Hause genommen. Längst sind einige StreetArt-Künstler in der Kunstszene anerkannt und ihre Arbeiten begehrte Sammlertrophäen. Leben kann man von der Street Art jedoch nicht. „Sie ist das Gegenteil von Kapitalismus – du bist nicht zu verkaufen“, behauptet Miss Riel. Nomad drückt es so aus: „Street Art ist ganz für umsonst, also beschwert euch nicht.“ Damit meint er diejenigen, die die Kunst der Straße nur für Schmutz oder Sachbeschädigung halten wie die Mitglieder des Verein sNofitti (Tagesspiegel vom 16.8.). Gegen solche Vorurteile würde allerdings das Projekt sprechen, dass Nomad und Miss Riel gemeinsam mit anderen Künstlern vor zwei Jahren auf dem Helmholtzplatz im Prenzlauer Berg realisierten.

Nomad war aufgefallen, dass auf dem Platz das alte Trafohäuschen immer wieder mit Nazi-Parolen beschmiert war. Nebenan spielten die Kinder im Sandkasten. Er beantragte eine legale Verschönerung der Wände, die Behörden lehnten ab. Mit einem Gerüst, Leitern und Farben trafen sich die Street-Art-Aktivisten am hellen Tag und übermalten das gesamte Häuschen. Die Aktion sah legal aus. Seitdem ist das Häuschen bunt geblieben. „Von der Siffecke zur Spielfläche“, sagt Nomad, „daran kann man ja auch sehen, dass Graffiti einen Ort positiv verändern können.“

Der Meinung sind wohl auch die Ausstellungsmacher von „Backjumps - The Live Issue # 2“. Kurator Adrian Nabi und Stéphane Bauer, Leiter des Kunstraums Bethanien, haben in diesem Jahr mehr als 40 internationale Street Art Künstler von New York bis São Paulo eingeladen, um sie auf 1000 Quadratmetern Räume gestalten zu lassen. Anders als auf der Straße, arbeiten sie hier auf begrenzter Fläche. Gleichzeitig aber haben sie mehr Möglichkeiten in der technischen Umsetzung. Nomad und Miss Riel wollen ihren Raum als ein Herz installieren. Sobald man hineintritt, befindet man sich automatisch in der Quelle des menschlichen Lebens. Mit allen Geräuschen, Impulsen und optischen Wahrnehmungen, die sich die Künstler nur vorstellen können. „Wenn ich es könnte“, sagt Nomad in einem im Juli erschienenen Street-Art-Buch über Berlin, „würde ich den Wolken am Himmel Formen geben, und dann zusehen, wie sie verdampfen.“

Backjumps - The Live Issue #2 - Urbane Kommunikation und Ästhetik: Eröffnung heute um 19 Uhr im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2. Bis 19. Oktober. Buch: Sven Zimmermann: Street Art Berlin, Prestel Verlag 2005, 96 Seiten, 14,95 Euro.

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