Kultur : Umstellt von Ratgebern

Frank Böckelmanns Risiko-Lexikon

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Keine Frage, das Sicherheitsbedürfnis des modernen Menschen insbesondere in den Wohlstandsgesellschaften ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Ob es der Fahrradhelm ist, die Alarmanlage, der Ehevertrag vor der Ehe, Vorsorgeuntersuchungen, Versicherungen für oder gegen was auch immer – jede Art von Risiko soll minimiert, wenn nicht gar ausgeschlossen werden. Dem 1941 geborenen Schriftsteller, Kulturwissenschaftler und einstigen Linksaktivisten Frank Böckelmann ist dieser Sicherheitswahn ein Dorn im Auge. In seinem Buch „Risiko, also bin ich. Von der Lust und Last des selbstbestimmten Lebens“ will er dem Risiko wieder seinen gebührenden Platz im Leben der modernen Menschen, der „Risikoexistenzen“, wie er sie nennt, zuweisen.

Vor allem versucht er, „unsere Risiken aus dem Sog der therapeutischen Optimierungslogik zu befreien“. Denn Böckelmann weiß, dass es kaum noch einen alltäglichen Vorgang gibt, der nicht von Ratgebern, Experten, Therapeuten oder der Pharma- und Freizeitindustrie „bewirtschaftet“ wird. Dieser Ratgeber- und Coaching-Kultur gilt es nun, auf den Grund zu kommen, sich ihrer Schreckensherrschaft und Überflüssigkeit bewusst zu werden. Was Böckelmann auf hoch moderne, unserer Pop- und Listenkultur gemäße Weise macht, auch, um nicht selbst in die Ratgeberfalle zu tappen: in Form eines Lexikons. Von A wie Alkohol über H und K wie Hunde- und Katzenhaltung bis Z wie Zeitmanagement ist sein Buch nach 121 Stichwörtern geordnet, die mal humorig, mal boshaft, zum Teil auch leicht verbissen aufbereitet werden.

Manche Einträge haben was Spielerisches, manche sind überflüssig, wie die über den Sport, manche vermitteln Erkenntnisse, die die Wissenschaftsressorts der gängigen Medien nicht besser vermitteln könnten. Am Ende weiß man, dass man das Leben ruhig mal laufen lassen kann, dass Schönheit, perfekte öffentliche Auftritte, strahlende Gesundheit, Abstinenzlertum und Karriere nicht alles sind. Und das Risiko, ein Lexikon von vorn bis hinten zu lesen, wann macht man das schon?, sich auf seine Querverweise einzulassen und vor und zurückzu- blättern? Dieses vergleichsweise kleine Risiko sollte man eingehen. Zum Schaden gereicht es nicht – und ein Anfang wäre wieder gemacht. Gerrit Bartels

Frank Böckelmann: Risiko, also bin ich. Von Lust und Last des selbstbestimmten Lebens. Galiani Verlag, Berlin 2011.

302 Seiten, 19, 90 €.

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