Umstrittene Oper : "Idomeneo" bald wieder auf dem Spielplan?

Das umstrittene Stück muss baldmöglichst wieder auf der Bühne der Deutschen Oper zu sehen sein - darin waren sich die Teilnehmer eines Podiumsgesprächs in der Berliner Oper nahezu einhellig einig.

Berlin - Harms hatte nach einem Sicherheitsgutachten des Landeskriminalamtes (LKA), das die Wiederaufnahme der Inszenierung als "ein Sicherheitsrisiko von unkalkulierbarem Ausmaß" einstufte, die Oper in der vergangenen Woche vom November-Spielplan abgesetzt. Berlins Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei.PDS) räumte ein, "dass das Informationsmanagement nicht funktionierte". Er habe die Intendantin in ihrer Entscheidung unterstützt. Nach heutiger Sachlage der Gefahrenanalyse jedoch halte er sie für falsch. Auch Innensenator Ehrhart Körting gab Fehler zu. Die Frage sei, ob die Schlussfolgerung aus der vom LKA skizzierten "möglichen abstrakten Gefahr" richtig gewesen sei. "Vielleicht wäre es besser gewesen, vorher ausführlicher zu diskutieren."

Zustimmung für die Intendantin gab es nicht nur lautstark vom Publikum, auch Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, stellte sich hinter die Entscheidung und bezeichnete die Personalisierung der Debatte "für absolut unwürdig". In dieser angespannten Lage sei es wichtig, Sensibilität auch in der Kunst zu zeigen. Neuenfels habe diese im Kontext durchaus bewiesen, bemerkte der Bischof polemisch. Bemerkenswert sei, dass in dessen szenischem Schlussbild zwar Buddha, Mohammed und Jesus stellvertretend für ihre Religionen mit abgeschlagenen Köpfen gezeigt würden, ausgerechnet "aber eine weitere große monotheistische Weltreligion fehle" - nämlich das Judentum. Das habe Neuenfels sich dann doch nicht getraut.

Gemäßigten Stimmen Raum geben

Doch inwieweit muss hierzulande die Kunst- und Meinungsfreiheit freiwillig eingeschränkt werden, um eine Verletzung religiöser Empfindungen von Muslimen und damit mögliche gewalttätige Reaktionen von Islamisten zu vermeiden? Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus von der Humboldt-Universität Berlin gab zu bedenken, dass in den westlichen Medien weitgehend nur extremistische Stimmen des Islam zu Worte kämen. Wichtig sei, neben den Bildern der Extremisten "mit ihren Bomben und ihren verbrennenden Fahnen" auch andere, gemäßigten Stimmen des Islam Raum zu geben. Denn diese stellten schließlich die Mehrheit der Bevölkerung dar.

Der Integrations- und Migrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, pflichtete ihr bei. "Wir nehmen als Islam nicht mehr den Alltag und die große Normalität in Berlin, sondern die Bilder aus Kairo oder Karatschi wahr. Damit arbeiten wir der Gegenseite zu."

Huber hingegen forderte sowohl von falschen Feindbildern des Islams auch von verharmlosenden Bildern des vermeintlich friedlichen Zusammenlebens Abstand zu nehmen. Es gebe keineswegs nur ein paar wenige islamistische Verrückte und eine große die hiesigen Grundrechte respektierende islamische Mehrheit. "Dies entspricht nicht meiner Realitätserfahrung". Vielmehr sehe er derzeit eine weitgreifende, rückwärtsgewandte Veränderung innerhalb des Islams - gerade auch in der zweiten und dritten Einwanderergeneration. "Die Kunst und Religionsfreiheit des Islams, die Stellung der Frau - all dies muss hinterfragt werden."

"Eigene Werte nicht unterminieren"

John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, betonte, dass die islamischen Terroristen nicht den Islam vertreten, "aber sie nutzen und instrumentalisieren für ihre Zwecke die Spannungen in den islamischen Ländern". Die weit über Deutschland hinaus verfolgte Debatte um die "Idomeneo"-Inszenierung zeige die Verunsicherung. Er rät Westeuropa jedoch, gelassener zu agieren. "Wir müssen sicherstellen, dass wir die eigenen Werte nicht unterminieren."

Nachdem die Fernsehkameras der Veranstaltung ausgeschaltet waren, nutzte Intendantin Harms die Chance für ein persönliches Schlusswort. "Nach den ersten Presseveröffentlichungen war ich am Verzweifeln", bekannte sie und bedankte sich beim Publikum für die vielen Briefe mit weitaus differenzierteren Meinungen, die sie in den letzten Tagen erhalten habe. "Dies machte es mir möglich, weiter zu inszenieren." Am 15. Oktober hat Kirsten Harms Inszenierung von Alberto Franchettis Oper "Germania" Premiere. (Von Axel Schock, ddp)

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