Kultur : UN-Vollversammlung: Die neue Wichtigkeit

Philipp Oehmke

Es würde ein besonderes Wochenende werden, eine besondere Generaldebatte, vermutlich die wichtigste, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) seit langem gehalten hat, das war den Delegierten klar, wie auch den Journalisten, angereist in Rekordzahl. Doch die neue Wichtigkeit der UN, jener häufig verspotteten Mammutbürokratie, sie kam noch ein wenig ungewohnt daher für die meisten. Wer ist denn jetzt der Mann mit dem rot-weißen Tuch über dem Kopf? Der Kronprinz von Saudi Arabien oder dessen Außenminister?

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Die Dame von CNN sagt, er sei wohl beides. "Da ist doch jeder ein Kronprinz", merkt ein Delegierter an, doch was immer der korrekte Titel des Mannes ist - er heißt Saud-Al-Faisal und ist übrigens nur der Außenminister - von Bedeutung scheint er in jedem Fall zu sein: Zwanzig Minuten hat er sich gerade besprochen mit seiner Exzellenz, General Pervez Musharraf, Präsident Pakistans, jenem Mann, der in seiner Magnetwirkung an diesem Wochenende hier im UN-Hauptgebäude, 1 UN Plaza, New York, sogar den US-Präsidenten George W. Bush zu überschatten droht.

Nicht autorisiert

Wie habe er denn die Rede Bushs am Samstagmorgen gefunden, wird Musharraf zugerufen, als er mit dem saudischen Außenminister, respektive Kronprinzen, die Tür öffnet. "Oh, sehr gut, sehr gut", erwidert Musharraf, sichtlich zufrieden in seiner neuen Rolle im Zentrum des Interesses.

Ein Gesandter der pakistanischen Botschaft sitzt derweil seit Stunden in der fensterlosen Cafeteria im ersten Untergeschoss, froh, sich einen Platz erkämpft zu haben in dem überfüllten Café. Das hätten sich weder Pakistan noch die Vereinten Nationen wohl jemals erträumt, sagt er, dass sich tatsächlich noch mal jemand so für sie interessiert. Mehr aber könne er nicht sagen, bricht er das Gespräch ab, er sei eben nicht autorisiert, doch bereitwillig gibt er den Namen und die Adresse des Midtown-Hotels an, in dem die pakistanische Delegation logiert. Da könne man Auskunft einholen.

Zwei Referentinnen der Vereinten Nationen sitzen am Nebentisch, sie wollen ihre Namen nicht gedruckt sehen. Denn auch sie sind nicht frei, über ihre Arbeit, die Vereinten Nationen, zu reden, jene Institution, bei der bislang zehn Prozent der 35 421 Angestellten die Arbeit machen, während die restlichen 90 Prozent beschäftigt sind, ihre Titel, Limousinen und Büros mit Blick auf den East River zu verteidigen, wie eine der beiden Referentinnen sagt. "Die Entscheidungen trifft die UN ohnehin hier, ich meine genau hier", sagt die Referentin, "unter der Hand, in dieser Cafeteria beispielsweise, während die Gremien einen ganzen Tag brauchen, etwas für die Akten zu erklären."

Mit verbindlichem Lächeln

Das könnte sich exakt am 12. September geändert haben, sagt die andere Referentin, an jenem Tag, an dem, wie Präsident Bush am Morgen noch einmal gelobt hatte, die Vereinten Nationen in einer Notstandssitzung die Attacken auf New York und Washington offiziell und förmlich und für die Akten verurteilt haben. "Und auf einmal sind die Vereinten Nationen ungeheuer wichtig", fügt die Referentin hinzu. Natürlich nicht, weil sie Terroranschläge verdammen, wie Bush nahe legte, sondern weil sie in ein paar Wochen aus der Verlegenheit eines möglicherweise über Nacht herrscherlosen Afghanistans helfen sollen.

In der Cafeteria wurde übrigens auch Präsident Musharraf gesichtet, der mit verbindlichem Lächeln dort versicherte, "dass Osama bin Laden Nuklearwaffen habe", könne er sich nun wirklich nicht vorstellen.

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