Kultur : UN-Vollversammlung: Mit viel Diplomatie

Malte Lehming

Es dürfte nicht oft in der Geschichte der Kriege vorgekommen sein, dass ein Regierungschef seine verbündeten Truppen davor warnt, zu früh erfolgreich zu sein. Eben das jedoch tat der US-Präsident am Sonnabend in New York. Haltet ein! Immer langsam! Solche ungewöhnlichen Appelle richtete George W. Bush sinngemäß an die Rebellen der Nordallianz, "unsere Freunde", wie er sie nannte. Wörtlich sagte Bush: Afghanistan müsse "stabil und friedlich" sein. Die Nachfolgeregierung des Taliban-Regimes müsse sich "aus den verschiedenen Stämmen des Landes" zusammensetzen. "Die Schlüsselfrage wird sein, wie wir mit der Hauptstadt Kabul umgehen." Das waren bedächtige Worte, die aus dem Munde von Bush seit dem 11. September nur selten zu hören waren.

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Fotostrecke: Der Krieg in Afghanistan Die Besorgnis des US-Präsidenten ist verständlich. Nach der Einnahme von Masar-i-Scharif, der strategisch wichtigen, viertgrößten Stadt Afghanistans, hat sich ein Problem für die Amerikaner verschärft. Das Militär darf nicht bedeutend schneller vorankommen als die Diplomatie. Ein bisschen schneller ist gut, zu schnell ist gefährlich. Wenn das Kalkül der Strategen im Pentagon aufgehen soll, demzufolge die Verluste der Taliban im Norden zur Erosion ihrer Macht auch im Süden führen, dann müssen die USA ihren Willen bekräftigen, alle ethnischen Gruppen der afghanischen Bevölkerung an der politischen Neuordnung des Landes zu beteiligen. Der Machthunger der Nordallianz muss begrenzt werden. Auf keinen Fall darf es zu einer Balkanisierung Afghanistans kommen.

Jeder mit seinem Interesse

Doch wie? Die Lage ist kompliziert. Die Nordallianz des gestürzten Präsidenten Burhanuddin Rabbani setzt sich überwiegend aus Minderheiten wie Usbeken und Tadschiken zusammen. Diese lose Koalition unter Führung des Kommandeurs Abdul Rashid Dostum wird von recht unterschiedlichen Staaten wie Russland, Indien und dem Iran unterstützt. Sie alle verfolgen ihre eigenen Interessen. Für Russland geht es darum, die mutmaßlichen Verbindungen zwischen den Widerstandskämpfern in Tschetschenien und dem Terrornetzwerk "Al Qaida" zu kappen. Indien will die lange Zeit von Pakistan geförderten Taliban-Milizen bekämpfen, deren islamistische Aktivitäten angeblich bis nach Kaschmir reichen. Der Iran sieht sich als Schutzmacht der schiitischen Minderheit in Afghanistan, deren Angehörige von den sunnitischen Taliban als Ungläubige verfolgt werden.

Ihnen gegenüber steht die Taliban-Miliz, die ihren stärksten Rückhalt unter den Paschtunen hat. Das ist die größte Minderheit Afghanistans. Pakistan hat die Taliban lange Zeit unterstützt und betrachtet sich bis heute als Fürsprecher der Paschtunen. Pakistans Militär-Machthaber Pervez Musharraf wird nur so lange in der Anti-Terror-Koalition bleiben, wie ihm vonseiten der USA glaubwürdig zugesichert wird, dass die Paschtunen trotz ihrer Sympathie für die Taliban einen angemessenen Einfluss innerhalb der afghanischen Nachfolgeregierung haben werden. Als eine Art vertrauensfördernde Maßnahme hat Bush am Sonnabend seinem Gesprächspartner Musharraf eine Milliarde Dollar Wirtschaftshilfe zugesagt. Das zeigt, wie fragil die Lage ist.

Wer soll die Macht in Afghanistan übernehmen, nachdem die Taliban gestürzt wurden? Der 87-jährige König Zahir Shah, der im italienischen Exil wohnt, ist zwar ein Paschtune und polarisiert am wenigsten, aber er ist zu alt und lebt schon zu lange im Ausland. Mehr als eine Symbolfigur ist er nicht. Burhanuddin Rabbani wiederum, der politische Führer der Nordallianz, wird von den Paschtunen kategorisch abgelehnt. Seine Chancen sind ebenfalls gering. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, hat in New York in diesen Tagen die "6-plus-2-Konferenz" ihre Arbeit intensiviert. Dazu zählen die sechs Nachbarländer Afghanistans plus USA und Russland. Das Gremium wird beraten von Lakhdar Brahimi, dem UN-Sonderbeauftragten für Afghanistan. Diese Konferenz ist die wichtigste diplomatische Initiative zur Bildung einer Nachfolgeregierung in Kabul.

Welche Rolle sollen die UN spielen?

Im Vordergrund der Gespräche steht die Frage, nach welchem Partizipationsschlüssel sich ein "Oberster Regierungsrat", eine in der afghanischen Tradition verankerte "loya jirga", bilden soll. Die Formel, der zufolge der König und die Nordallianz jeweils die Hälfte der 120 Mitglieder bestimmen, stößt bei Paschtunen auf Widerstand. Sie fordern aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung als größte Minderheit des Landes eine Machtbeteiligung, die über die 15 Prozent ihres Bevölkerungsanteils hinausgeht. Kontrovers ist ebenfalls die Frage, welche Rolle die Uno beim Wiederaufbau des Landes übernehmen soll. Wahrscheinlich wird die Stabilität ohne ein internationales Militärkontingent nicht gewährleistet werden können. Bisher allerdings weist Brahimi jede Forderung nach einem Einsatz von Blauhelmsoldaten zurück.

Ein erster Testfall für den Erfolg der Diplomatie wird Masar-i-Scharif sein. Wenn in der multiethnischen Stadt eine gerechte Machtverteilung gelingt und die vier größten Minderheiten - Tadschiken, Usbeken, Hazara und Paschtunen - eingebunden werden, würde die Hoffnung auf eine tragfähige Gesamtlösung genährt. Falls jedoch die Nordallianz ihre Ambitionen überzieht, könnte es unter Paschtunen zu einer erneuten Solidarisierungswelle mit den Taliban kommen. In diesem Fall würde der Kampf, den Amerika gegen Osama bin Laden führt, von den Paschtunen endgültig als Überlebenskampf ihres Stammes verstanden. Und das würde die bisherige US-Strategie null und nichtig machen.

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