Kultur : Unanständig bleiben!

Silvia Hallensleben

Auch schon vor dem letzten Amoklauf schlug die medial angestachelte Erregung über die „Entzivilisierung“ sozial ausgegrenzter Jugendlicher hohe Wellen. Für manche scheinen die Opfer des sozialen Konkurses bedrohlicher zu sein als der immer rücksichtslosere gesellschaftliche Konkurrenzkampf, der ihn begründet. Wenn ihr schon keine Chance habt, benehmt euch dabei wenigstens anständig! Die hohe Kunst der Erziehung besteht unter solchen Umständen darin, den Widerspruch zwischen dem Anspruch der Einzelnen auf Persönlichkeitsentwicklung und ihrer realen Perspektivlosigkeit möglichst reibungslos abzuwickeln. In seiner rohen amerikanischen Ausformung kann man solch pädagogisches Bemühen Montagnachmittag im Arsenal in einem fast vier Jahrzehnte alten Film des Dokumentarfilmers Frederick Wiseman studieren: High School (1968) präsentiert sich als ein ebenso nüchterner wie verstörender Einblick in die Funktionsweisen einer Anstalt, die die Herstellung von Konformität als Erziehung deklariert. In der heutigen Dokumentarfilmlandschaft scheinen die analytisch registrierenden kommentarlosen Bestandsaufnahmen Wisemans wie Monumente einer fernen Welt.

Wie fern auch jene Zeit, als das Kino gerade noch einmal neu geboren war: Jean-Luc Godards Die Verachtung (1963) lässt zwei Ikonen der damaligen old school aufeinandertreffen. Die in Rom und Capri gedrehte Verfilmung eines Romans von Alberto Moravia erzählt nicht nur von einer kollabierenden Ehe, sondern auch von einem Filmprojekt, das an Spannungen zwischen Regisseur (Fritz Lang), Autor (Michel Piccoli) und einem Hollywoodproduzenten (Jack Palance) scheitert. Ein Konflikt, der sich hübscherweise in der Produktionsgeschichte des Films wiederholte. Carlo Ponti und Joseph Levine nämlich, die Produzenten von Godards teuerstem Film, zeigten sich nicht gerade amüsiert darüber, dass die körperlichen Reize des von ihnen teuer angeheuerten Megastars Brigitte Bardot nirgendwo in Szene gesetzt waren. So musste nachgedreht werden, gegen den Willen des Regisseurs, dem es dann doch gelang, die Erwartungen an sexuellen Mehrwert zu einem intelligent verspielten Stück Kino umzufunktionieren. Die Zusammenarbeit mit dem Darsteller des Hollywood-Produzenten gestaltete sich ähnlich kompliziert, weil der für die Rolle engagierte Hollywood-Akteur Jack Palance Godards eigenwilliger Nicht-Schauspielerführung wenig abgewinnen konnte. Dem Vernehmen nach hat Palance schon nach der ersten Drehwoche weder mit Godard noch Kameramann Charles Bitsch ein Wort gesprochen. Gut ist er trotzdem. Als er vor kurzem starb, fand seine Mitwirkung in „Le Mépris“ als Randnotiz nur in wenigen Nachrufen Platz. So ist die Aufführung des Films am Sonntag im Lichtblick-Kino auch als Hommage an diese europäische Eskapade eines amerikanischen Schauspielers zu sehen.

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