Kultur : Unbeugsam

Zum 80. Geburtstag des Erzählers Erich Loest

Wolf Scheller

Kantig und knorrig, wie er ist, nimmt er ungern ein Blatt vor den Mund. Was Erich Loest sagt, ist dabei nüchtern und präzise – Eigenschaften, die auch den Erzähler auszeichnen. Mit seinen unzweideutigen Haltungen hat er sich nicht nur Freunde gemacht: weder in der DDR, die er 1981 verließ, noch in der Bundesrepublik. Anders als die meisten Schriftsteller, die aus der DDR hinausgeekelt wurden, hat er sich nicht in den Schmollwinkel des ewigen Dissidenten zurückgezogen. Und bewies es, indem er 1990 in seine Heimatstadt Leipzig zurückkehrte: mit dem kaputten Magen, den er sich in sieben Jahren Haft zwischen dem Leipziger Untersuchungsgefängnis, dem „Roten Ochsen“ zu Halle und dem „gelben Elend“ des Bautzener Zuchthauses eingehandelt hatte. Auch literarisch hat er sich in dem Roman „Völkerschlachtdenkmal“ (1994) mit seiner Stadt versöhnt, nachdem er schon 1978 mit dem Leipzig-Roman „Es geht seinen Gang“ eine Liebeserklärung abgegeben hatte.

Damals lag Bautzen gerade mal zwölf Jahre hinter ihm, und er hielt seinen Landsleuten die Loyalität gegenüber Staat und Partei vor. Loest kannte ihr kleinbürgerlich-anpasserisches Milieu in- und auswendig. Auch er hatte als junger Mensch an den Kommunismus geglaubt. Als man ihn 1957 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ verurteilte, war er 31 Jahre alt. In seiner Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“ (1981) hat er seine frühen Jahre zurückverfolgt: die Kindheit zwischen den Weltkriegen, Hitlerjugend und Soldatentum, die Zeit am Leipziger Literaturinstitut von Johannes R. Becher, schließlich die Enttäuschung über den 17.Juni 1953, die er in seinem jüngsten Roman „Sommergewitter“ noch einmal verarbeitet hat.

Nach seiner Haftentlassung hatte ihm die Stasi einen befreundeten Lektor zur Seite gestellt, von dem er erst viel später erfuhr, dass er ein Spitzel war. Man riet ihm, Kriminalromane zu schreiben, deren Handlung im Westen spielen sollte. So entstand 1966 unter dem Pseudonym Gans Walldorf Loests bekanntester Krimi „Der Mörder saß im Wembley-Stadion“. Gerade hat Loest für den Steidl-Verlag die Geschichte seines Kommissars George Varney völlig überarbeitet – vor allem die Milieuschilderung: Von London hatte Loest in den sechziger Jahren keine Ahnung. Als er sich in den siebziger Jahren wieder der Gegenwart zuwandte, geriet er erneut mit der Staatsmacht aneinander. Später erklärte er: „Wir werden an dieser verdammten DDR zu kauen und zu schlucken haben bis an unser Lebensende.“ So geht Erich Loest seinen Gang, mühsam in der Ebene, aber gerade und aufrecht. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

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