Kultur : Unbeugsam

Zum 90. Geburtstag von Nadine Gordimer.

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Alles Politische war für sie von Anfang an weniger Leidenschaft als Notwendigkeit. Doch so, wie es sich ihr aufdrängte, blieb ihr nichts anderes übrig, als mit Haut und Haaren eine engagierte Schriftstellerin zu werden. Nadine Gordimer, am heutigen Mittwoch vor 90 Jahren in dem Minenstädtchen Springs im Nordosten Südafrikas geboren, war 25 Jahre alt, als die Apartheid 1948 mit dem Wahlsieg der Nasionale Partij besiegelt und eisern befestigt wurde. Der Kampf, den sie als Weiße im Namen einer vielfältigen black consciousness führte, bestimmte von da an ihr Leben. Sie musste fast 70 Jahre alt werden, um den Aufbruch ihres Landes in demokratische Verhältnisse zu erleben: Erst 1990 hob die Regierungspartei das Verbot des oppositionellen African National Congress auf und machte damit den Weg frei für eine friedliche Revolution, in deren Gefolge Nelson Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt wurde. Der Nobelpreis, den sie 1991 für ihr „großartiges episches Schreiben“ von „außerordentlich großem Nutzen für die Menschheit“ erhielt, würdigte ihren Anteil daran.

In den letzten Jahren wurde sie allerdings Zeugin eines „nationalen Katers“, den sie mit Blick auf die einstigen Ideale des ANC empfindet. Statt wachsender Gleichheit sieht sie Korruption und Vetternwirtschaft am Werk. Eine schlimme Form politischer Korrektheit, klagte sie, nehme überhand, und in einem die Pressefreiheit einschränkenden „Gesetz zum Schutz von Staatsinformationen“, erkannte sie 2011 die Verkehrung des einst von burischer Seite betriebenen Machtstrebens. Vor allem der amtierende Präsident Jacob Zuma ist für sie die polternde Verkörperung dieser Entwicklung. Ihr jüngster Roman „Keine Zeit wie diese“ spiegelt auch diese bittere Episode des Dramas in den Geschicken eines einst kommunistischen Paares lebendig wider.

Ihr Gerechtigkeitsgefühl lernte sie auch von ihren Eltern, jüdischen Einwanderern aus Litauen und England. Wenn manche ihrer Bücher zu sehr ins Moralisch-Didaktische reichen, so entspricht es doch nicht ihrem Ideal vom Schreiben. „Aufrichtigkeit“ hält sie für die erste Verpflichtung des Schriftstellers: Dabei gehe es um „Vergewisserung“, nicht um „Gewissheiten“. Neben Romanen wie „Der Besitzer“ und „Burgers Tochter“, die sich in ihrer zerklüfteten Vielstimmigkeit weit von jedem schlichten Realismus entfernen, hat sie dabei ein Faible für kürzere Formen bewiesen. Auf Deutsch bisher unveröffentlichte Essays und Erzählungen sind soeben unter dem Titel „Erlebte Zeiten – Bewegte Zeiten“ (Berlin Verlag, 2 Bde., 736 S., 78 €) erschienen. Gregor Dotzauer

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