Kultur : "Unbreakable": Mann aus Eisen, Mann aus Glas

Jan Schulz-Ojala

Ein Mann im Zug. Fensterplatz. Eine junge Frau setzt sich dazu. Man redet ein bisschen. Der Mann zieht verstohlen den Ehering ab. Man redet weiter. Kleiner Annäherungsversuch, und die Frau setzt sich doch lieber anderswo hin. Der Mann steckt den Ehering wieder an. Eine Reihe weiter vorn lugt ein kleines Mädchen durch den Spalt zwischen den Sitzen, und genau so beobachtet die Kamera die Szene: gleitet hin und her, erhascht hier einen Blick, dort einen Satz - eine Späherin, die sich in der seltsam erwachsenen Welt unsichtbar glauben darf wie ein Kind.

So ökonomisch und elegant geht eine der ersten Szenen von "Unbreakable" - und erinnert an jene "Sixth Sense"-Atmosphäre, die vor einem Jahr das Weltkino hypnotisierte. Da hatte ein kaum 30-jähriger indischstämmiger Amerikaner namens M. Night Shyalaman (sprich: Shahlaman) einen sehr leisen, sehr rätselhaften Horrorfilm gedreht mit einer genialen Auflösung, nach der man den Film am liebsten sofort noch einmal hätte sehen wollen - und belegte bald Platz zehn der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Und das Sensationellste war: Die Karriere dieses Films verlief mit genau jener somnambulen Konsequenz, die seiner Story innewohnte.

Kann man so etwas wiederholen? Kaum. Erst recht nicht, wenn man es drauf anlegt. Wieder hat Shyalaman Bruce Willis als Hauptdarsteller verpflichtet, wieder hat er ihn einen großen, stillen Menschenbären spielen lassen in einer wiederum selbst entworfenen, mit parapsychologischen Vorkommnissen gespickten Geschichte - herausgekommen aber aus dem Projekt, dessen Mitbeteiligte vor dem Hollywood-Newcomer auf den Knien gelegen haben dürften, ist dröhnend prätentiöser Schund. Darf man das sagen angesichts der Verdienste des jungen Genies um die Filmgeschichte? Ja, man muss es gerade deshalb so sagen.

54 Knochenbrüche

Denn dieser von Bruce Willis mehr verkörperte als vergeistigte Footballstadion-Aufseher namens David Dunn ist nicht nur der einzige Überlebende jenes Zugunglücks, das auf die missglückte Anbandelung folgte; er überlebt es auch noch vollkommen unverletzt. Und wie das Kino-Schicksal es will, lernt er auf dramaturgisch wenig nachvollziehbaren Wegen auch einen Comic-Verleger namens Elijah Price (Samuel L. Jackson) kennen, Träger der seltenen Krankheit Osteogenesis imperfecta und Überlebender von 54 Knochenbrüchen. Der Film weiht seine 107 Minuten der wachsenden Erkenntnis, dass der Mann aus Eisen und der Mann aus Glas füreinander geschaffen sind, um Großes zu vollbringen. Also: Krüppel trifft Superman. Oder: Mephisto und Faust, die dreihundertachtundneunzigte. Oder auch: Böser schwarzer Irrer schickt guten weißen Dumpfkopf in die Schlacht.

Ein B-Picture - warum nicht, wenn es wenigstens gut gemacht wäre! Shyalaman aber behauptet meist volltönend, statt zu zeigen. Und wenn er denn schon mal zeigt, dann illustriert er nur. Und wenn er illustriert, sieht das mehr als einmal so aus, als säßen hier zwei Actionhelden ergriffen Porträt für die eigene Unsterblichkeit. Das ist unfreiwillig komisch und wirkt, leider, wie eine Parodie auf die Entdeckung der Langsamkeit, die "Sixth Sense" so unvergesslich gemacht hatte. Was "Unbreakable" dann aber doch über das Lächerliche hinaus ärgerlich macht, ist der auf allen Ebenen pathetisch vorgetragene Gestus des Übermenschen aus dem Geiste vollendeter Mittelmäßigkeit. Als ob wir in der Realität nicht schon genug von solchen Typen hätten.

In 27 Berliner Kinos.

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