Kultur : Und alles ist aus Gold

Die schönsten Songs der Welt: Die Band Tomte ist mit ihrer Erbauungsmusik ein Hoffnungsträger des deutschen Pop

Christian Schröder

Vielleicht wird das jetzt der neue Megatrend: gute Laune. Genug gejammert, das Leben ist wunderbar. Nur der Winter könnte endlich mal aufhören. „Geigen bei Wonderful World“ heißt das programmatische Stück auf dem neuen Album der Hamburger Band Tomte: ein Stimmungsaufheller zum Mitsummen. „Die Trombone bei Moon River / Wie sie die Hoffnung erhellt / Die Geigen bei Wonderful World“, singt Thees Uhlmann, auf Henry Mancinis Soundtrack zu „Frühstück bei Tiffany’s“ und auf Louis Armstrongs doch eigentlich eher schrecklichen Hit „What a Wonderful World“ anspielend. Geigen betten seine Stimme in warmes Moll, eine Trompete trötet. Der Refrain: „Ich lebe mich durch eines der schönsten Leben / Mit den schönsten Songs der Welt.“

Eine Hymne auf das Glücklichsein. Erbauungs-Pop. Vom „ersten Licht des Tages“ ist da die Rede, das „eine Ahnung vom großen Rest“ lasse und von einem alten Paar, „glücklich am Ende eines langen Lebens / Und alles ist aus Gold“. Das ist purer Kitsch und trotzdem ziemlich großartig. Uhlmann meint es nämlich ernst, das macht ihn derzeit zu einer der größten Hoffnungen der deutschen Rockmusik. In seinem Normalo-Outfit – Sweatshirt, Jeans, Wildlederschuhe – sieht der blonde 31-Jährige nicht wirklich wie ein Popstar aus, aber derzeit prangt er von der „Spex“ bis zum „Musikexpress“ auf den Covern der einschlägigen Magazine. „Buchstaben über der Stadt“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo), die neue Platte seiner Band Tomte, die heute erscheint, gilt als sicherer Anwärter für eine Top-Ten-Platzierung. Dabei macht Uhlmann nur das, was er auch vorher schon auf drei Tomte-Alben getan hat, und das wirkt erst einmal nicht sonderlich aufregend: Er singt in assoziativen, manchmal kruden Versen von seinem Leben und seinem Blick auf die Welt. Und momentan, warum auch nicht, ist für ihn „alles aus Gold“.

„Ich bin rundum glücklich, kann man sagen“, sagt Uhlmann. Er sitzt in der winzigen Kaffeeküche seiner Plattenfirma Grand Hotel van Cleef (GHvC). Hinter ihm stapeln sich Kartons, am Tag nach dem Interview zieht der Fünfmannbetrieb in größere Räume, die praktischerweise gleich gegenüber liegen: in einen ehemaligen Schlachthof direkt neben dem Heiligengeistfeld in St. Pauli, den der Hamburger Senat zu einem „Musikerzentrum“ ausbaut. Man ist auf Expansionskurs. Das erst vier Jahre alte Label gilt inzwischen als „beste Adresse für alternativen deutschen Gitarrenpop“ („Spiegel Online“). Von „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Häusern“, dem letzten Album der Band Kettcar, mit deren Sänger Marcus Wiebusch Thees Uhlmann die Firma gegründet hat, wurden 60 000 Exemplare verkauft: in der Ära von MP3 und der CD-Brennerei eine kleine Sensation.

„Ich lebe meinen Traum“, sagt Uhlmann, der Enthusiast. „Ich muss nichts machen, was mir keinen Spaß macht.“ Der Musiker mit abgebrochenem Lehramtsstudium (Englisch und Politik) gilt bereits als Vorzeige-Start-up-Unternehmer. Kürzlich bat ihn die Hamburger Kultursenatorin zum Tee, im Mai soll er auf Einladung eines Nachwuchsjournalistenverbands im Reichstag referieren. Der Entschluss, Profimusiker zu werden, war ein Sprung ins kalte Wasser. „Bis ich so weit war, bin ich durch gewisse Härten gegangen“, erzählt er. „Für mich gab es aber keine Alternative zur Musik. Mir ist klar geworden, dass das Jobben nebenher keine Option mehr war, weil man dabei unglücklich wird.“ Einer dieser Nebenher-Jobs war es, als Roadie mit Tocotronic auf Tournee zu gehen, worüber er dann das Tour-Tagebuch „Wir könnten Freunde werden“ schrieb.

Tomte, das sind neben Thees Uhlmann (Gesang, Gitarre) momentan Timo Bodenstein (Schlagzeug), Dennis Becker (Gitarre), Olli Koch (Bass) und Max Schröder (Keyboards). Alle bis auf Bodenstein leben inzwischen in Berlin. Uhlmann ist vor einem halben Jahr nach Tempelhof gezogen, obwohl er bis dahin über Berlin eher geschimpft hatte. Der Grund für den Wohnungs- und Perspektivwechsel: eine Frau.

Gegründet hat Uhlmann seine Gruppe schon mit 14 Jahren in seinem Heimatdorf Hemmoor bei Cuxhaven. Ursprünglich hieß sie Warpigs, weil die Großmutter gegen den martialischen Namen Einspruch erhob, benannte der Enkel sie in Tomte um. Tomte, das ist der Kobold aus Astrid Lindgrens Kinderbuch „Tomte und der Fuchs“. Ein kuscheliger Name, der gut zur kuschelig-schwelgerischen Musik des Quartetts passt.

Die Labelgründung 2002 war eine Verzweiflungstat. Kettcar hatten Demos an Plattenfirmen verschickt, und, weil die sich interessiert zeigten, auf eigene Kosten ein Album aufgenommen. Einen Vertrag bekamen sie trotzdem nicht. Also liehen sich Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch und Kettcar-Bassist Reimer Busstorf Geld von ihren Eltern und nahmen den Vertrieb selber in die Hand. „In der Woche vor der Veröffentlichung riefen drei große Labels an, die das Album plötzlich doch haben wollten. Aber da hatten wir dann unseren Stolz“, so Uhlmann. Der Stolz zahlte sich aus. Neun Bands, darunter mit Maritime aus Ohio auch eine amerikanische Formation, sind inzwischen bei GHvC unter Vertrag, mit dem Film „Keine Lieder über Liebe“ schafften es Uhlmann und Wiebusch sogar ins Kino.

Die beiden Sänger kennen sich seit dem Kindergarten, eine Männerfreundschaft, die Uhlmann auf dem neuen Album elegisch beschwört: „Es leuchten Buchstaben über der Stadt / Die mich zum Mann gemacht hat / Und was den Himmel erhellt / Eine der letzten großen Freundschaften der Welt.“ Uhlmann zerdehnt die Silben, ein Manierismus, den er von Oasis-Sänger Liam Gallagher übernommen hat. „Buchstaben über der Stadt“ enthält zehn Songs, die den Gitarrenpop nicht neu erfinden, aber doch angenehm druckvoll brodeln, donnern und brausen. Manches erinnert an den Westcoast-Rock von Dream Syndicate oder Giant Sand, anderes eher an deren Hannoveraner Epigonen Fury In The Slaughterhouse. Wunderbar: Wie Uhlmann das Post-9/11-New York als „Stadt mit Loch“ beschreibt und für die Liebe neue Metaphern findet. „Weißt du, was du mir bedeutest / Auf einem Platz in meinem Herzen / Steht dein Name an der Wand.“ So soll es sein.

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