Kultur : "Und am nächsten Morgen genehmigte der Bischof den Bau"

ULF MEYER

Jahrhundertelang waren Architektur- und Sakralbaugeschichte nahezu synonym. Weil diese Zeiten lange vorbei sind, müßte der Kirchenbaukunst heute besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. Der Wettbewerb für die Canisius-Kirche in Berlin zeigte hingegen Unsicherheit beim Bauherrn. Weil die katholische Kirche am Lietzensee in Charlottenburg 1995 durch zündelnde Kinder einem Brand zum Opfer fiel, kam es zu der seltenen Gelegenheit, einen großen Wettbewerb für einen Kirchenneubau zu veranstalten. Während andernorts bikonfessionelle Kirchen entstehen - weil die Gemeinden zu klein für ein eigenes Gotteshaus werden - oder gar Kirchtürme der Produktwerbung dienen müssen, bot sich hier eine seltene Chance (und wurde vertan).Rund zehn Millionen Mark Versicherungssumme stehen für den Neubau der Canisius-Kirche zur Verfügung. Erst seit kurzem steht fest, wie er aussehen wird - einigermaßen zumindest. Der Entwurf stammt vom Büro Büttner Neumann Braun (BNB). Es ist bereits das dritte Berliner Architekturbüro im Rennen um die Ausführung. Beim Wettbewerb 1996 hatte das Büro Schmidt-Thomsen & Ziegert den ersten Preis gewonnen, das Ergebnis wurde jedoch im nachhinein in Frage gestellt. Dann hieß es, Edgar Wisniewski solle den Auftrag erhalten, weil die Gemeinde seine mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Arbeit bevorzuge. Das anschließende Hin und Her war interessant, weil es um zwei grundsätzlich unterschiedliche Architekturauffassungen ging, die am Ende beide abgelehnt wurden. Dazu kamen Konflikte zwischen Gemeinde und Kirchenrat, Städtebau und Architektur, Freistellung und Blockkirche, Charakter und Formbarkeit. Hinzu kamen die Themen der modernen katholischen Baugeschichte wie Bildlichkeit und Abstraktion, hierarchisch gerichtete respektive ungerichtete Gemeindesäle oder Meditation und Erlebnis.Der Entwurf von Schmidt-Thomsen und Ziegert bekannte sich zu gerichteten Gemeindesälen. Auf die zerklüftete Stadt reagierten sie mit klaren Linien, "Geschlossenheit nach innen, Offenheit nach außen". Wie ein "Block im Block" sollte die Kirche als zentraler Ort des Quartiers mit Vorplatz, Campanile als "Zeichen selbstbewußter Präsenz" und auskragendem Dach in den öffentlichen Raum wirken. Sie entwarfen eine zurückgesetzte Bebauung mit Solitär davor. Ein Kranz von zwölf Räumen umstellt den Zentralraum. Jeder hat eine andere Funktion: Ort der Taufe und Beichte, Kapellen, Sakristei und Tabernakel. Ein Gang im Obergeschoß verbindet wie ein "innerer Kreuzweg". Über dem langen, hohen Innenraum liegt der geschwungene Hohlkörper des Daches mit Holzverkleidung in einer Form, die dem urchristlichen Fischmotiv entlehnt ist. Einschnitte in den Wänden und Decken sorgen für sparsames Tageslicht.Ganz anders der Entwurf von Wisniewski. Er wollte ein "Signal für ökologischen Städtebau" schaffen. Das hieß für ihn als Scharoun-Schüler: offene Bauweise mit einer Kirche als Solitär und integriertem Glockenturm als städtebaulicher Dominante. Ein siebengeschossiger, halbkreisförmig zum Park hin orientierter "Gebäudeorganismus" nimmt die anderen Nutzungen wie Kita und Altenwohnheim auf. Dem aufwendigen runden "Kirchenraum als sakraler Landschaft" stehen schlichte Materialien wie Stein und Putz gegenüber. Wisniewski wollte einen "Sakralraum als Lichtträger" mit einer großen Laterne über dem Altar aus einheimischen Findlingen schaffen. Radiale Sitzbänke stehen im zeltartigen Raum. Wegen der verstellten Mittelachse führt ein Labyrinth zur ovalen Altarinsel. Drei Streben sollten "als Dreigestalt" die Lichtkuppel tragen. Der skulpturale Turm wächst förmlich aus der Kirche heraus. Regenwassersammelbecken und Photovoltaik-Elemente reichen Wisniewski als Zutaten ökologischen Bauens. Aber auch dieser Entwurf wurde wegen "mangelnden Eingehens auf die Wünsche des Bauherrn und einer erwarteten Kostenexplosion" nicht weiter verfolgt.Jetzt sollte das Büro Neumann, Büttner und Braun, das im Wettbewerb knapp den dritten Preis erhalten hatte, den Auftrag bekommen. Ein Schlichtungsversuch der Architektenkammer blieb erfolglos. Wisniewski, ausführender Architekt des Kammermusiksaals, kündigte an, daß das Verfahren "vor Gericht enden" werde. Auch auf Bauherrenseite gab es eine Rotation: Bauausschuß und Erzbischof schalteten sich ein, der Pfarrer schied aus. Alois Peitz, Ex-Diözesanbaumeister von Trier, wurde eingesetzt, den Konflikt zu moderieren. Es sei zu wenig darüber gesprochen worden, was die Gemeinde von einer Kirche erwarte, so Peitz. In der Zwischenzeit wechselten nicht nur die Architekten, sondern auch die Ansprechpartner auf der Bauherrenseite; das Programm wurde nachträglich reduziert.Den jungen Architekten kam die schwierige Aufgabe zu, die Qualitäten der beiden anderen Entwürfe zu retten und dennoch einen eigenen zu entwickeln. Das wurde ihnen vom Bauherrn nicht leicht gemacht. Die Wahl fiel auf sie zunächst nur, weil eine Schadenersatzklage drohte. Ursprünglich spielten die geplanten Nebengebäude eine große Rolle. Mittlerweile ist deren Bau auf unbestimmte Zeit verschoben.Büttner, Neumann und Braun hatten in ihrem ersten Entwurf versucht, "den Typus der Basilika in die Moderne zu übersetzen". Sie schufen einen mondrianesken Kubus mit rundem Campanile. Die Kirche steht als Solitär in der Blockrandbebauung, ihre Höhe orientiert sich an den Nachbarn. Der zweite BNB-Entwurf wird von einem neuen Motiv geprägt: dem "Bild der Erwartung" in Form eines leeren Raumes, der an die Kirche anschließt. Als erhöhte Ebene im Außenraum ist er der Negativraum zur Kirche. Eine große Glasfläche mit farbigem Fenster macht den "offenen Raum" zum Seitenschiff. Er dient der Stille und Kontemplation, ist kein Vor-, sondern bloßer Luftraum. An der Suarezstraße soll der 40 Meter hohe Campanile stehen. "Künstlerisch gestalteter Beton" und Holz sollen Anmut, klassische Proportionen Schönheit verleihen. Der Grundriß vereinigt Kreis und Rechteck, zentrale und axiale Ausrichtung. Unten soll Geborgenheit herrschen, darüber die Richtung dominieren. Fast wirkt es, als hätten die jungen Architekten einen Kompromiß zwischen der organischen Formenwelt Wisniewskis und der Disziplin Schmidt-Thomsens finden wollen.Die Gemeinde scheint vom Pech verfolgt. Der markante erste Kirchenbau von Reinhard Hofbauer mußte sieben Jahre nach der Fertigstellung wegen Bauschäden geschlossen werden. Weitere vier Jahre später wurde die Canisius-Kirche von Hermann Jünemann wieder aufgebaut. Sie galt - und dies als eine der ersten katholischen Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg - als "Durchbruch zur Moderne". Schon der Bau der Kirche 1954 war problematisch. Der ehemalige Pater Gocke berichtete darüber: "Drei Jahre hindurch hatte ein Architekt mehr als hundert Zeichnungen für den Entwurf angefertigt, ungezählte Besprechungen waren vorausgegangen, zahlreiche Kirchen hatten wir besucht. In wenigen Minuten zerrannen die Pläne und damit alle Mühen, Arbeiten und Kosten ins Nichts. Alle Versuche, den Entwurf, der weniger künstlerisch gewesen sein mochte, in dem aber alle Belange für einen würdigen Gottesdienst berücksichtigt waren, doch noch zur Ausführung zu bringen, schlugen fehl. Damals hieß es lakonisch: Ein Plan, der einmal abgelehnt ist, bleibt abgelehnt. Nach der endgültigen Verwerfung des ersten Entwurfs reichten fünf Architekten ihre Pläne ein. Um die Kosten niedrig zu halten, mußte sich der Architekt entschließen, den Chor um zwei Drittel zu verkleinern. Das geschah in einer Nacht. Am folgenden Morgen genehmigte der Bischof den Bau." - Mit dem Bau des zweiten Entwurfs von BNB soll im Frühjahr begonnen werden.

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