Kultur : Und dämmern dem Verfall entgegen

NAME

Von Ronald Berg

In Sachen Deutsches Centrum für Photographie (DCP) tut sich wieder etwas. Die 1998 angekündigte Museumsneugründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, aus der bisher kaum mehr als eine Briefkastenfirma „an der Kunstbibliothek und der Nationalgalerie“ geworden ist, sucht jetzt einen „Fotohistoriker“. Der Bewerber wird allerdings nicht den Rang eines Museumsdirektors einnehmen. Vielmehr soll er unter Aufsicht von Generaldirektor Peter-Klaus Schuster mit Ausstellungstätigkeiten und Neuerwerbungen den „zügigen Ausbau des DCP“ bewerkstelligen. Vom Kandidaten wird erwartet, Kontakte zu Sammlern und Sponsoren zu knüpfen. Denn das DCP hat keinen eigenen Etat, ja nicht einmal eigene Ausstellungsräume. Der ursprünglich vorgesehene östliche Stülerbau steht nicht mehr zur Verfügung.

Damit ist das von Manfred Heiting im Auftrag der Stiftung entworfene Konzept eines „wissenschaftlichen Kompetenz-Centrums“ und einer „Schule des Sehens“ hinfällig. In Heitings Abschlussbericht war 2001 noch von „Forschen, Studieren, Bewahren, Konservieren, Restaurieren, Vermitteln, Sehen und Lernen mit dem Original“ die Rede. Aber sukzessive entzog die Preußen-Stiftung Heiting die Planungsgrundlagen – mit der Folge, dass die durch eine Expertenkommission ermittelte Einschätzung, in den Museen der Stiftung und der Kunstbibliothek lagerten exakt 26 650 „photowissenschaftliche und ästhetisch relevante“ Aufnahmen, ohne praktische Folgen bleibt.

Die nach Durchsicht einer halben Million Fotos erkannten Schwerpunkte – Fotografie in Preußen 1870-1910, Kunstfotografie um 1900 und Modefotografie – könnten laut Expertenvotum das zukünftige Profil des DCP prägen. Doch bislang besteht das DCP nur aus ein paar Büroräumen in der Parey-Villa. Für die Bestände der Stiftung heißt das: Alles bleibt wie es ist. Öffentlich unsichtbar und in vielen Fällen unzureichend gelagert, dämmern sie ihrem Verfall entgegen. In Zeiten, wo andere Museen ihre Fotoschätze bereits in Kühlhäusern lagern, ist das für eine Institution vom Range der Preußenstiftung schon Skandal genug. Dabei hätte Berlin in Sachen Fotografie einiges aufzuholen. Andere Städte wie Köln sind Berlin konzeptuell wie infrastrukturell voraus. Neuerdings plant auch Bonn eine Stiftung „Forschungszentrum Fotografie“. Hamburg hat mit seiner „Triennale der Photographie“ das Genre als Imagefaktor entdeckt. Überall sonst buhlen Museen um die letzten zu vergebenden Schätze des Zeitalters der klassisch-analogen Fotografie. Und Berlin? Die eigentlich für das DCP schon sicher geglaubte Sammlung von Helmut Newton kann man unter derzeitigen Bedingungen abschreiben. Ebenso entrückt ist eine der derzeit bedeutendsten Privatsammlungen, die von Manfred Heiting. Dessen Beziehungen zu den Verantwortlichen der Stiftung verliefen am Ende seiner Zeit als Projektleiter des DCP auch persönlich nicht gut.

Der Verbleib der Sammlung mit bedeutenden Modefotografien von F. C. Gundlach bleibt gleichfalls ungewiss. Gundlach sieht bei der Hansestadt in Sachen Fotografie „stärkere Bemühungen“. Enttäuscht von der Berliner Ignoranz zeigt sich auch Dieter Appelt, selbst Fotokünstler und einer der geistigen Väter des DCP. Als Dekan an der damaligen Hochschule der Künste musste Appelt 1999 deren bedeutendes Karl-Blossfeldt-Konvolut zur wissenschaftlichen Aufarbeitung an die SK Stiftung in Köln ausleihen. „Natürlich hätte ich die Bilder lieber nach Berlin gegeben“, sagt Appelt. Doch es gibt in der Stadt keine Institution, die in der Lage wäre, derartige Bestände zu erforschen oder zu betreuen. „Es gibt in Berlin jede Menge Leute, die sich für Fotografie engagieren“, meint Appelt. „Und es gibt ein Centrum, aber das Centrum ist leer.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben