Kultur : Und dann gründe ich einen Zirkus

„Elefantenrunden“: Das Literaturhaus zeigt eine Ausstellung über das Literaturbetriebsgenie Walter Höllerer

Steffen Richter

„Viele Sprachen will ich lernen und viele Abenteuer mit fremden Menschen erleben“, träumt der 10-jährige Walter Höllerer in einem Schulaufsatz. „Das schreibe ich alles in ein dickes Buch. Wenn ich dann von meinen Reisen heimkomme, gründe ich einen Zirkus.“ Keine Frage, der Mann hat früh einen Plan. Wie er ihn in die Praxis umsetzt, kann man derzeit in der großen Ausstellung „Elefantenrunden“ im Literaturhaus begutachten.

Höllerers ausufernde Aktivitäten in 20 Vitrinen zu präsentieren, ist ein kleines Kunststück. Dieses Kunststück ist Helmut Böttiger, der die Ausstellung gemeinsam mit Lutz Dittrich zusammengestellt hat, glänzend gelungen. Höllerer (1922-2003) wird in all seinen Facetten sichtbar: als Event-Manager, der dem Literaturstandort Berlin Sternstunden beschert hat, als Literaturwissenschaftler, Kritiker, Zeitschriftenherausgeber und nicht zuletzt als Schriftsteller. Höllerer war ein Genie der Grenzüberschreitung.

1952 erscheint sein Lyrik-Debüt „Der andere Gast“. Karl Krolow stellt es in seiner Besprechung gleichberechtigt neben Paul Celans Erstling „Mohn und Gedächtnis“. Zwei Jahre darauf gründet Höllerer die Zeitschrift „Akzente“, die bis in die Sechzigerjahre den literarischen Ton angibt. Bald nimmt er als Kritiker an den Treffen der Gruppe 47 teil. Wenig später ist er Dozent an der Frankfurter Universität. Theodor W. Adorno muss registrieren, dass es neben ihm einen zweiten akademischen Star gibt. Und im Hintergrund schlummert ein Roman-Projekt.

1959 nimmt Höllerer eine Professur an der Berliner Technischen Universität an. Ob sich Celans ironischer Wunsch erfüllt, er möge auf diesem Posten der Technik schaden, ist nicht ausgemacht. Sicher aber ist, dass Höllerer der Literatur durch ihre Konfrontation mit der Technik großen Nutzen bringt. Eine der ersten Amtshandlungen besteht in der Gründung eines „Instituts für Sprache im technischen Zeitalter“. Ohne Verschnaufpause startet 1960 die Lesereihe „Literatur im technischen Zeitalter“ mit Frisch, Bachmann, Grass, Enzensberger, Johnson, Böll, Walser – ein Who’s Who der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

Ein Jahr später kommt mit Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute, Salvatore Quasimodo und John Dos Passos die literarische Avantgarde nach Berlin. Die eingemauerte Stadt schwelgt, bis zu 2000 Zuhörer drängeln sich vor der Kongresshalle. Fast nebenbei setzt Höllerer mit der Form der moderierten Lesung einen Standard des heutigen Lesebetriebs. Es folgen Veranstaltungen zur modernen Dramatik mit dem New Yorker „Living Theatre“. Für die Reihe „Veränderung im Film“ kommt Pier Paolo Pasolini, bei „Ein Gedicht und sein Autor“ liest die amerikanische Beat-Ikone Lawrence Ferlinghetti. Und immer ist das Fernsehen dabei. Höllerers frühes Gespür für die mediale Inszenierung von Literatur ist beeindruckend.

Die Filmaufnahmen sind eine Art Kronjuwel der Ausstellung. Vieles, was als verschollen galt, ist in den SFB-Archiven aufgetaucht und restauriert worden. Pasolini ist zu sehen, wie er seine später aus den „Freibeuterschriften“ bekannten Thesen zur Konsumgesellschaft entwickelt. Die Aufnahme von Paul Celan könnte die einzige noch existierende sein. Neben den Filmen warten in den Vitrinen etliche aufschlussreiche Dokumente. Etwa Briefe von Thomas Mann, Gottfried Benn und Günter Eich.

Oder Korrespondenzen mit Günter Grass (der von Höllerer erstmals veröffentlicht wird) und Paul Celan – zur Zeit der „Goll-Affäre“, als ein verleumdeter Celan angeblich alle Kontakte zum deutschen Literaturbetrieb abgebrochen hatte. Zudem gibt es ein Briefchen Adornos, in dem er Höllerer bittet, frühe fiktionale Texte unter dem Pseudonym Caspar Zwieback in den „Akzenten“ zu veröffentlichen. Durch Plakate und die Fotografien von Höllerers Ehefrau, Renate von Mangoldt, entsteht nie der Eindruck zu großer Textlastigkeit.

Eines der wichtigsten Vermächtnisse Höllerers ist sicherlich das 1963 gegründete Literarische Colloquium am Wannsee. Neben präzisen konzeptionellen Ideen brauchte es dafür vor allem Geld. Manchem scheint Höllerers Begabung bei der Mittelbeschaffung fast unheimlich. Hans Werner Richter orakelt, „wenn es so etwas wie einen Amtsschimmel geben sollte, dann muss er jedes Mal bei Höllerers Anblick freudig gewiehert haben.“ Gewiss, für die Inselstadt gab es seinerzeit großzügige Förderer wie die Ford-Foundation. Aber es bedurfte auch eines Mannes, der die Ressourcen effektiv zu nutzen wusste. Es ist bis heute faszinierend, mit welcher Energie Höllerer als „Stratege im Literaturkampf“ Zeitschriften- und Buchreihen-Projekte, Großausstellungen und die Einrichtung eines Literaturarchivs in seinem oberpfälzischen Heimatort Sulzbach-Rosenberg vorantrieb.

Und dann war da noch der Roman „Die Elefantenuhr“, der nach 20-jähriger Arbeit 1973 erschien. Der Titel, auf den auch die Ausstellung „Elefantenrunden. Walter Höllerer und die Erfindung des Literaturbetriebs“ anspielt, ist erklärungsbedürftig. Für Höllerer, der sich selbst gern als eine Art Elefanten sah, stand der Dickhäuter für Gedächtnis, Unbeirrbarkeit und das Außerkraftsetzen der linearen Zeit. Der Roman indes wurde verhalten aufgenommen.

Letztlich war es eine bittere Dialektik, die den Erfolg der „Elefantenuhr“ verhinderte. Als Schriftsteller wurde der Literaturbetriebs-Manager kaum ernst genommen. Doch die Glanzleistungen für den Betrieb konnte nur einer erbringen, der sich zuerst als Schriftsteller verstand. Ein Schriftsteller freilich, der seine eigenen literarischen Ambitionen hintanstellte. Die „Elefantenuhr“ hat Höllerer für die Taschenbuch-Ausgabe übrigens noch einmal umgearbeitet. Der Vorgang ist symptomatisch. An Werken, die Benjamin die „Totenmaske der Konzeption“ nennt, war Walter Höllerer nicht gelegen. Wohl aber an fortwährender Transgression.

Literaturhaus Berlin, bis 20. November, täglich 11-19 Uhr.

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