Kultur : Und dann stand er plötzlich auf und ging

Kerstin Decker

Wir warten auf einen Vermittler. Auf einen Sachverständigen für Wahrheitskerne. Die Prosaischeren nennen Menschen wie ihn einen Experten. Ein Experte ist jemand, der über eine Sache schon viel länger nachgedacht hat als andere. Orhan Pamuk hat lange vor dem 11. September über das Verhältnis von Orient und Okzident nachgedacht. Eigentlich macht er nie etwas anderes. Das liegt an seiner Biographie. In Istanbul geboren, dachte der Fabrikantensohn, er wäre im Westen. Sein Vater hatte in Paris Sartre gesehen und übersetzte Paul Valery. Orhan Pamuk dachte, Türken machen das nun mal so. Bis er irgendwann bemerkte, dass Istanbul doch nicht in Europa liegt. Eben nicht ganz. Seitdem fragt sich Pamuk - fragt sich sein ganzes Land seit fast zweihundert Jahren - wohin es eigentlich gehört.

Aber Pamuk ist nicht nur Experte für Herkunfts- und Zielortfragen, sondern vor allem ein großer türkischer Schriftsteller. Einer, dessen Bücher in der Türkei Startauflagen von 50 000 Stück haben. Ein noch immer abwesender türkischer Schriftsteller. Aber wer aus dem 16. Jahrhundert kommt, hat es schließlich etwas weiter in eine zeitgenössische Berliner Hotellobby. Wenn Pamuk über das Verhältnis von Abendland und Morgenland nachdenkt, dann so vergangenheitstief wie nur wenige. Wie Thomas Mann vielleicht, als er mit den Josephs-Romanen den Mythos retten wollte in dunkelster Zeit. "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit, sollte man ihn nicht unergründlich nennen ..." Thomas Mann, Orhan Pamuk - alles Brunnenarbeiter.

Der jetzt die Lobby des Hotels betritt, sieht nicht aus wie ein Brunnenarbeiter. Nicht wie einer, der sich mal acht Jahre lang schreibend zu Hause einschloss, ohne am Leben um sich herum den geringsten Anteil zu nehmen. Nachher hatte er zweieinhalb Romane. Kein Mensch wollte Pamuks zweieinhalb Romane drucken. Das muss sehr lange her sein. Denn dieser Pamuk hier ist ein Weltmann, kein Weltflüchtling. Nicht Brunnenarbeiter, eher Elfenbeinturmbewohner. Er schaut wie von einer ungeheuren Höhe auf uns herunter, als habe er Mühe, uns dort zu entdecken.

"Rot ist mein Name" (Hanser Verlag), Pamuks auch in Deutschland gepriesener Roman, handelt vom Bilderstreit im Istanbul des 16. Jahrhunderts. Die einen am Hofe des Padischahs wollen weiter aus der Perspektive Allahs malen, starr und ohne Individualität der Figuren, gleichsam in der Nacht Gottes; die anderen aber wie die Europäer, mit individuellem Stil und Perspektive. Ist das nur ein historischer Roman? - Gewiss, sagt Pamuk, die alte orientalische Buchmalerei gibt es nicht mehr. Die alte venezianische Malerei gibt es auch nicht mehr. Vergangen. Vorbei, alle beide. - Pamuks Blick schneidet jeden Gegenwartsbezug messerscharf durch. Er stehe auf keiner Seite. Denn er sei Schriftsteller. Ich schreibe, sagt Pamuk, wegen der Schönheit der Sprache. War es also unser Fehler, in "Rot ist mein Name" soviel Gegenwart hineingelesen zu haben?

Das Gebot der Bilder

Der Islam und die Bilder. Es kam uns vor wie ein heutiges Thema. Die Taliban hatten doch vor allem ein Bilderproblem. Sie ließen die alten Götterstatuen schleifen. Kein Kino, kein Fernsehen, Zeitungen nur ohne Fotos. Und dabei kam die Meisterschaft der alten orientalischen Buchmalerei, die Pamuk beschreibt, einst aus Afghanistan. 1995 befahlen die Taliban, die große Bibliothek von Kabul mit ihren 55 000 Bänden niederzubrennen. "Afghanistan, a country without images" wird eine Studie heißen, die der iranische Filmregisseur Mohsen Makhmalbaf herausbringen will. Immer ging es um Bilder, nicht nur im Islam. Auch als der religiöse Fundamentalist Savonarola gegen die "Verderbtheit" des Renaissance-Florenz antrat und die Gemälde in Flammen aufgingen. Demokratie oder Theokratie - sogar das steckt in dem Bilderstreit von Pamuks Roman. Und dieser türkische Bestsellerautor weiß es nicht. Oder will es nicht wissen. Seine Blicke werden kürzer. Vielleicht hält er dieses Interview für ein enormes Missverständnis. Pamuk winkt ab. Die Taliban wurden von den USA implantiert. Das könne er, Pamuk, dazu sagen. - Aber ist das alles? - Nein, alles sei das nicht. - Nun steht der Ärger unwiderruflich im Gesicht des Elfenbeintürmlers.

Die Taliban, fügt er hinzu, sind kein gutes Beispiel, um über den Islam zu reden. Das wäre so, als spräche man über das Christentum anhand der Inquisition. Pamuk sieht uns an mit der unendlichen Distanz, mit der ein Wissender auf einen Unwissenden blickt. Mag sein, er hält "Westler" grundsätzlich für latent unwissend. Schon, weil sie alles gleich politisch sehen. Sogar die Literatur. Weil ihre ganze Kultur an Oberflächen genug hat. - Es ist möglich, erwidern wir vorlaut, über das Christentum anhand der Inquisition zu sprechen. Manche machen das ausschließlich.

Ich bin kein Taliban-Experte, erklärt Pamuk nun definitiv, und seine rechte Hand gibt den Wink zum Wechsel des Themas. Aber müssen wir jetzt nicht alle Taliban-Experten sein, fragen wir zurück. Sogar der Nobelpreisträger und Großschriftsteller-Kollege Grass wurde binnen Tagen zum Taliban-Experten. Pamuk, wir spüren es genau, verachtet diese Art zu fragen. Sehen Sie, versucht er es noch einmal, das wäre doch, als würden Sie Deutschland über den Faschismus erklären. - Man sollte Deutschland keinesfalls ohne den Faschismus erklären, antworten wir ohne Zögern. Pamuk hebt voll Abwehr die Hände: Um das wahre Deutschland zu verstehen, müsse man es ohne den Faschismus begreifen!

Eine unvermutete kulturelle Differenz bricht auf. Ist da ein beinahe platonischer Glaube an die Reinheit, an die unbefleckbaren Kerne selbst bei diesem Istanbuler Kind der Moderne? Der westliche Pragmatismus ist ihm suspekt. Vielleicht, weil er von solcher Reinheit wenig übrig lässt. Ist die säkulare Verfassung des Westens nicht zuletzt das Ergebnis eines solchen Pragmatismus?

Der Vorteil, ein Gott zu sein

Wohin gehört die Türkei? Ihre kulturellen Wurzeln sind östlich. Kann man Länder umtopfen? - Nun reicht es dem Großschriftsteller. Etwas von der Herrlichkeit - der Selbstherrlichkeit Gottes - muss auf diesen bekennenden Elfenbeinturmbewohner übergegangen sein. Und es hat doch enorme Vorteile, ein Gott zu sein. Man bestimmt selbst, wann Schluss ist. Schluss ist, wenn man denkt, man würde jetzt lieber andere Fragen beantworten. Oder gar keine mehr. Sie wissen nichts!, sagt Pamuk mit der vermeintlichen Überlegenheit des vergangenheitstiefen Ostens über den flachen Westen, der nicht mal Literatur von Politik trennen kann. Und nicht das Reine vom Unreinen. Außerdem beantworten Götter grundsätzlich keine Fragen zu Welten, die sie nicht selbst geschaffen haben. Die Welt der Taliban - egal ob mit oder ohne Bilder - hat Orhan Pamuk definitiv nicht geschaffen. Also, was noch? Der große türkische Schriftsteller Orhan Pamuk steht auf und geht.

Ein Mini-Clash of Civilizations? Wir konnten ihm nicht einmal sagen, dass uns die Elfenbeintürmler eigentlich sympathisch sind. Und wie gut wir seine Angst verstehen, die selbstzufriedene und selbstgerechte Arroganz des Westens könnte die ganze Welt in jenen Ausnahmezustand versetzen, in dem die Türkei schon lange lebt. Denn die Mehrheit der türkischen Bevölkerung ist vom "Projekt Moderne" ausgeschlossen. Es war eine Idee der Oberschichten. Mit dem Gesicht nach Westen driftet das Land nach Osten.

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