Kultur : Und der Kälte zugewandt

Berlins Gorki-Theater gerät auf „Moskauer Eis“

Sandra Luzina

Nach der Bibel kommt die DDR. „Glaube II: Und der Zukunft zugewandt“ heißt die neue Reihe im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters. Die DDR als Glaubensexperiment – das hat seinen Reiz. Zumindest Armin Petras mag es so gesehen haben: Der künftige Gorki-Intendant hat den 90-tägigen Theatermarathon mit seiner Crew konzipiert. Kultursenator Flierl soll der Titel zwar nicht amüsiert haben, trotzdem erschien er zur Premiere von „Moskauer Eis“: Mit der Bühnenversion von Annett Gröschners Roman wurde der Schnelldurchlauf durch 40 Jahre DDR eröffnet. Die Geschichte einer Familie von Kälteingenieuren übersetzt das politische Kälteexperiment in eine private Eiszeit, wobei die Autorin fantastisch-satirische Elemente in ihre Erzählung flicht.

Die auf Kältetechniken spezialisierten Männer stehen für einen abgewirtschafteten Utopismus, der sich als wenig alltagstauglich erweist. Ihren Vater trifft die Ich-Erzählerin Annja in der heimischen Tiefkühltruhe an – schockgefrostet. Es ist das Jahr 1991. Das Kälteinstitut, in dem Klaus Kobe das Einfrieren von Lebensmitteln erforschte, ist abgewickelt. Was wie ein Protest gegen die Kälte des Kapitalismus aussieht, ist womöglich ein besonders kühl geplantes Experiment, eine letzte Utopie des Ingenieurs: Er will als Eisbombe ins Weltall fliegen und dort eine neue Gesellschaft errichten.

„Moskauer Eis“ hätte deutlich signalisieren können, dass die Gorki-Reihe die DDR nicht als kuschelige Wärmestube wieder auferstehen lassen will. Herausgekommen ist aber eine Inszenierung, die die in der Stückfassung immer wieder ironisch gewendete Kältemetapher kaum nachvollziehbar macht. Die Schauspieler in Sascha Bunges Inszenierung wirken wie kaltgestellt, der Abend findet zu keinem spielerischen Elan, keiner Erzählökonomie. Gröschner treibt die Ostbiografien ins Wahnwitzige, um den realen Irrsinn zu decouvrieren; so verstoßen die Vorgänge schon mal gegen die Lehrsätze der Thermodynamik. Auf der Bühne sieht man sich dagegen mit dem durchaus erklärlichen Phänomen des Energieschwunds konfrontiert.

Am 16. und 17.1. , dann immer montags

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