Kultur : Und die Engel lachen laut

Vor der Staatsopern-Premiere: Luk Perceval über Claudio Monteverdi, Religion und Kunst – und das Belgische an Berlin

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Herr Perceval, in Monteverdis „Kampf von Tancredi und Clorinda“ besiegt der Christ die Muslimin, und sie lässt sich im Sterben von ihm taufen. Ist dieser Plot nicht ganz schön heikel angesichts des Clashs der Kulturen zwischen der islamischen und der westlichen Welt?

Monteverdis Madrigal liegt zwar Torquato Tassos „La Gerusalemme liberata“ zugrunde, aber die Religionszugehörigkeit kommt im Madrigal nicht explizit vor. Es ist ein Krieg der Geschlechter, ein Kampf zwischen Mann und Frau. Was die Taufe betrifft: Tancredi holt Wasser, weil Clorinda durstig ist. Das ist nicht unbedingt ein religiöser Akt. Sie gibt sich in seine Hände: Die menschliche, egoistisch beschränkte Liebe überschreitet sich selbst und wird bedingungslos. So lese ich das. Eine muslimische Frau, die vom Bösen zum Guten bekehrt wird: Nein, das wäre ja schrecklich – als hätte George W. Bush das Libretto geschrieben.

Aber die Aktualitäten fallen einem schon ein, wenn man den Text liest.

Ich komme aus Belgien, einem Land, das versucht hat, Afrika zu christianisieren. Schon die Idee finde ich widerlich. Aber es stimmt schon: Wir kombinieren das Madrigal mit Monteverdis „Marienvesper“, und da werden Israel und Jerusalem so oft erwähnt, dass man die Lage im Nahen Osten geradezu zwangsläufig assoziiert.

Versuchen Sie, sich als Regisseur vom unmittelbar Politischen freizumachen?

Das kann ich gar nicht. Aber ich muss es auch nicht betonen. Wer die Nachrichten sieht, bekommt die Konnotationen quasi umsonst dazu. Gutes Theater ist immer politisch, indem es dem Zuschauer das Gefühl gibt: Es geht nicht nur ums nackte Überleben. Dafür brauche ich auf der Bühne keine US-Flagge zu hissen. Und vielleicht zeigt die Kunst, was man in der Religion vergeblich sucht: eine Welt ohne Dogma, Freiräume für eigene Gedanken. Unsere Ängste brauchen einen Ort. Warum hat die Schaubühne eine Auslastung von 97 Prozent, wenn wir „Tod eines Handlungsreisenden“ spielen, ein Stück über die reale, grausame Arbeitslosigkeit?

Was hat Sie an der Kombination von weltlicher und geistlicher Musik gereizt?

Die Marienvesper ist ein Gebet; dazu gehört die Sehnsucht nach dem Himmel, nach der Befreiung von den Alltagsleiden. Gleichzeitig funktioniert das mit der Liebe Gottes etwa in der Partnerschaft zwischen Mann und Frau überhaupt nicht. Wir stoßen einander auch ab, es gibt diesen zerstörerischen Teil in uns. Deshalb passt der Geschlechterkrieg zum Gebet: Weil wir uns im Alltag bekriegen und uns gleichzeitig nach dem Reich Gottes sehnen, nach einer Gemeinschaft. Wir wollen nicht alleine sterben.

Gibt es deshalb die Religion: Weil wir Angst haben, alleine zu sterben?

Ich glaube schon. Ich glaube auch, dass es deshalb Kunst gibt. Und Opern. Weil die Musik uns ein Gemeinschaftsgefühl vermittelt. Der Monteverdi-Abend ist eine kollektive Meditation. Die Marienvesper ist zwar ein Gebet, aber es wird nicht von Mönchen gesungen, sondern von normalen Menschen. Achtzig Leute stehen auf der Bühne, wir haben eine Wand voller Sänger, Musiker und Statisten errichtet.

Es gibt keine Bühne im klassischen Sinn?

Das gesamte Geschehen spielt sich im Saal ab. Es ist Kirchenmusik, deshalb kann man den Gesang und die Instrumente nicht zwischen Bühne und Orchestergraben auseinanderreißen. Monteverdi hat einen tollen Humor: Bei ihm lachen die Engel lauthals und machen sich lustig über die Menschheit. Und bei den Passagen aus dem Hohen Lied Salomos ist er sehr erotisch. Das Aufregendste ist die Polyphonie. Monteverdi komponiert Chormusik, dennoch bleiben es individuelle Stimmen, einzelne Personen. Am besten kann sich diese polyphone Wirkung unter einer Kirchenkuppel entfalten.

Oper ist dann also Kirche ohne Kuppel?

Der Unterschied zwischen Kunst und Religion besteht darin, dass Kunst keine Lösung weiß, zumindest gute Kunst. Es gibt nur uns selbst in unserer Hilflosigkeit. Wenigstens die können wir teilen. Die Kunst sagt: Wir sind nicht einsam. Das ist doch schon was.

Was haben Sie bei den Proben vom Monteverdi-Spezialisten René Jacobs gelernt?

Es war keine einfache Zusammenarbeit, denn wie bei allen Dirigenten steht für ihn die Musik im Vordergrund. In der AlteMusik-Szene gibt es viele Spezialisten, die genau wissen, wie jede einzelne Note klingen muss. René Jacobs und ich hatten nicht dasselbe Ziel.

Sind Dirigent und Regisseur natürliche Feinde?

Nicht unbedingt. Aber ich habe Ähnliches bei meinen anderen Opern erlebt, bei „Tristan“ in Stuttgart und Janaceks „Die Sache Makropulos“ in Hannover. Ein Musiker lebt in seinen Partituren und sagt: So steht es geschrieben. Ich möchte aber, dass die Sänger einen Akt lang durchspielen, damit sie eine innere Welt aufbauen können. Das geht nicht, wenn sie ständig unterbrochen werden. Vielleicht war es auch besonders schwer für René Jacobs, weil das Bühnenbild sich direkt vor seiner Nase erhebt und zwölf Meter hoch ist. Ich sehnte mich jedenfalls ein bisschen nach dem Theater, wo wir berücksichtigen können, dass die Zuschauer von heute anders sind. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unser Geist täglich eine Million Bilder und Reize verarbeiten kann. Auf diesen radikal veränderten Lebensrhythmus möchte ich auf der Bühne eingehen. Das war schwierig beim Monteverdi-Projekt.

Weil die Oper doppelte Werktreue verlangt, zum Libretto und zur Musik?

Das Publikum hat seine CDs und will exakt den Klang, den es schon kennt. Das ist, wie wenn wir Tschechow noch immer so inszenieren müssten, wie er 1930 in Moskau gespielt wurde. Wir wissen nicht, wie Shakespeare zu seiner Zeit aufgeführt wurde. Aber wir wissen, dass ihm nichts heilig war, dass er geklaut hat wie ein Rabe für seine Samplekunst. Und zwischen den Tragödien-Akten gab es Komödien. Auch Monteverdi klang im 17. Jahrhundert vermutlich nicht perfekt, bei ihm sangen auch Schauspieler. Es gab also anarchische Mischformen, während die Musik uns heute heilig ist. Hinzu kommt: Oper ist aufwendig, personal- und kostenintensiv. Warum versuchen wir es nicht billiger? Peter Brook hat „Carmen“ mit einem Flügel aufgeführt.

Sie wollen Shakespeare doch auch nicht nur als Solo-Abend herausbringen!

Mich erschreckt dieser falsch verstandene Respekt. Nicht in der Genauigkeit der Rekonstruktion liegt die Tiefe, sondern in unserer Erfahrung mit einem Werk. Bildende Kunst ist viel experimentierfreudiger als die Darstellende Kunst. Vielleicht weil Theater eine direkte, konfrontative Kunstform ist. Ekel und Faszination: Das ist der Zwiespalt, mit dem wir das Bühnengeschehen betrachten. Es ist wie bei Nachbarn reingucken. Man macht was, was eigentlich verboten ist. Von dieser Spannung lebt das Theater. Leider leidet die Darstellende Kunst unter dem Traditons- und Sicherheitsbedürfnis des Publikums. Man will die CD-Qualität und nicht die Live-Erfahrung. Ich habe das Gefühl, wir werden immer spießiger.

Aber Sie loben das Berliner Publikum.

Oh ja, denn es gibt hier keine Bourgeoisie, die das Geld hat und sagt, wo es langgeht. Außerdem kann hier keiner richtig Deutsch; da fühle ich mich mit meinem Akzent nicht allein. Und hier spricht jeder seine Unzufriedenheit offen aus. Die Hauptstadt der schlechten Laune: Da ist Berlin sehr belgisch. Was das Kulturleben betrifft, sind Paris und London viel konventioneller und verkrampfter – im Vergleich zum weniger betuchten, aber offenen Berliner Publikum.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

Luk Perceval inszeniert im Rahmen der CadenzaBarocktage an der Berliner Staatsoper Monte-

verdi; Premiere ist heute um 19 Uhr . Dabei wird die „Marienvesper“ mit dem weltlichen Madrigal „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ verschränkt, einer auskomponierten Schlacht. Die musikalische Leitung hat René Jacobs.

Perceval, 1957 in Antwerpen geboren, war Schauspieler am dortigen Nationaltheater,

bevor er als Protagonist der Flämischen Welle überkommene Theaterformen zu erneuern versuchte. Seit seinem Shakespeare-Marathon Schlachten! 1999 bei den Salzburger Festspielen arbeitet er regelmäßig in Deutschland. Seit 2006 ist er Hausregisseur der Berliner Schaubühne , wo er zuletzt „Tod eines Handlungsreisenden“ inszenierte.

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