Kultur : Und ewig lauschen die Wälder Exquisite Kammermusik beim Bebersee-Festival

Carsten Niemann

Der Militärflughafen Groß Dölln war eine verbotene Stadt: mit eigener Infrastruktur und Wohnungen für bis zu 15000 Soldaten. Anwohner hatten keinen Zutritt: Schließlich waren hier, auf der halben Strecke von Berlin nach Prenzlau unweit der Bundesstraße 109, unter anderem die berüchtigten SS-20-Raketen stationiert. An sie erinnern überwachsene Bunker im Unterholz; die Wohnstätten der Soldaten sind verlassen oder bis auf ihre Grundmauern abgerissen. „Wir wussten auch nicht, dass das Gelände so groß ist“, erzählen die Einheimischen. Entspannt und sinnend sitzt man vor dem zum Veranstaltungsort umgebauten „Konzerthangar“ und blickt staunend auf die von Wäldern umsäumte, 3,8 Kilometer lange Landebahn, über der sich ein dramatischer Sommerwolkenhimmel erhebt. Und auch drinnen wird sich die geheimnisvolle Dissonanz des Orts in teils ernsthafte, teils träumerische Konsonanzen auflösen.

Beim ebenso kleinen wie exquisiten Bebersee-Festival für Kammermusik ist das Programm geradezu verschwenderisch abwechslungsreich: Ganze elf Musiker werden sich in diesem Abend zum Schlussapplaus verbeugen. Sie alle gehören jenem Künstlertypus an, dem es auch bei regelmäßigen Auftritten auf den großen Podien gelingt, sich gegen die Symptome des Jet-Setting zu verteidigen. Wie man das lernt, zeigt das Festival: Man macht sich das Vergnügen, sich und dem Publikum gegenseitig vorzuspielen. Da übernimmt ein Claudio Bohórquez bei Ralph Vaughan Williams geheimnisvollem Nocturno für Streichquintett den Cellopart; bei Faurés Klavierquartett darf es dann mit Adrian Brendel gleich noch ein Ausnahmetalent auf diesem Instrument sein. Dabei würde es sich lohnen, beide Stücke allein wegen der warmen Tönung und intelligenten Gestaltung der Bratschenpartien durch Thomas Selditz und Helena Baillie nochmals zu hören. Wobei dann noch nichts gesagt wäre über das unaufdringliche Violinspiel von Elisabeth Glass und Viviane Hagner, das im Eindruck völlig natürlich zwischen Farbe und Linie zu wechseln vermag.

Einen Dialog in wundersam umspielten insistierenden Einzeltönen liefern sich Adrian Brendel und Markus Groh in Marc-Anthony Turnages „Lullabies“; die Sopranistin Sinéad Mulhern und der Pianist Sebastian Stoermer fangen dagegen mit Liedern von Britten und Walton zu Themen wie Wald, Freundschaft, Sommer und Vergänglichkeit auf ihre Weise den gleichzeitig romantischen und doch so heutigen Geist des Ortes in Tönen ein. Als sei das alles nicht genug, ist da plötzlich auch noch das berühmte Duo Yaara Tal/Andreas Groethuysen. Der Charme, mit dem sie Jean Francaix’ 15 Kinderportraits für Klavier vortragen, reicht aus, um das ganze Militärgelände gleich noch einmal zu entwaffnen.

Weitere Konzerte bis 7. August. Informationen unter 0180/5170517 oder im Internet unter www.bebersee.de

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