Kultur : Und ewig lockt das Weib

JÖRG VON UTHMANN

Als Karl Böhm mit "Don Giovanni" an der Met debütierte, gab es eine kleine Panne. Nach der Ouvertüre hob sich der Vorhang, Leporello blickte den Maestro erwartungsvoll an, doch der rührte sich nicht. Irgendetwas schien mit dem Bühnenbild nicht zu stimmen: Für New Yorker Verhältnisse wirkte es ungewöhnlich modern. Tatsächlich schwebte eine kleine Ewigkeit später die fehlende Rückwand majestätisch herab, und jetzt erst konnte es richtig losgehen. In Dominique Pistoisets Inszenierung an der Bastille-Oper gibt es keine Rückwand. Ob die Oper in Spanien oder in Hinterpommern spielt, ist der kahlen Bühne nicht zu entnehmen. Don Giovanni singt sein Ständchen ohne Fenster und ohne Gitarre. Sein Festmahl nimmt er auf den Boden ein. Auch die Musiker, die ihm zum Festmahl aufspielen, sind nirgendwo zu sehen: Leporellos witzige Kommentare versanden im Leeren. Die Szenenwechsel werden durch einen Koffer angedeutet, den Elvira auf die Bühne schleppt, oder durch ein mächtiges Bett, auf dem alle zum Singen Platz nehmen und das ebenso grundlos verschwindet, wie es gekommen ist. "Eine verpaßte Gelegenheit", umschrieb "Le Monde": Das darf als die Untertreibung des Jahres gelten. Aber man ist ja nicht gekommen, um über das sexual harassment im alten Spanien etwas Neues zu erfahren. Man ist gekommen, um Bryn Terfels ersten Don Giovanni zu hören; es ist zugleich sein Pariser Debüt. Und Terfel enttäuscht nicht. Mit schwarzer Perücke und bleicher Miene legt er einen Wüstling hin, dessen Energie nur noch von seiner Virtuosität übertroffen wird. Auch José van Dams Leporello ist immer noch glänzend bei Stimme. Rainer Trosts sauber gesungener Don Ottavio bleibt freilich der Pappkamerad, der er immer war. Den Damen Anna (Carol Vaness) und Elvira (Barbara Frittoli) mögen die letzten Geheimnisse des Mozart-Stils noch verschlossen sein, doch mit den dramatischen Anforderungen ihrer Verzweiflungsausbrüche werden sie spielend fertig. Auch dem Pariser Opernorchester wurde der Wiener O-Ton nicht an der Wiege gesungen, aber James Conlon läßt es uns beinahe vergessen.

Während an der Bastille der spanische Macho sein Unwesen treibt, wird im Palais Garnier eine Nymphomanin den Männern zum Verderben. Die Zauberin Alcina verwandelt die Liebhaber, deren sie überdrüssig ist, nicht wie ihre Kollegin Circe in Schweine, sondern in Bäche, Bäume und wilde Tiere. Ruggiero hält sich schon geraume Zeit in ihrer Gunst. Als dessen Verlobte Bradamante, als Mann verkleidet, anrückt, droht auch ihm Gefahr. Doch am Ende siegt die Liebe, die verzauberten Männer werden erlöst. "Alcina" ist eine der vier Händel-Opern, deren Libretto von Ariosts Versepos "Orlando furioso" inspiriert wurde. Händel schrieb sie für einen der großen Gesangsstars seiner Zeit, den Kastraten Carestina. Mit den Kastraten verschwanden auch seine Opern vom Spielplan. Der Siegeszug der barocken "Originalinstrumente" leitete auch eine Händel-Renaissance ein. Einer ihrer Matadoren ist der Amerikaner William Christie. Sein Ensemble "Les Arts Florissants" wurde soeben zwanzig Jahre alt. Die Einladung, in der Pariser Oper "Alcina" aufzuführen, ist sozusagen das Geburtstagsgeschenk des französischen Staates.

Mit dem französischen Staat hat es Christie sonst nicht leicht. Als er damit begann, in seinem Landhaus in der Vendée zu proben, riefen die Nachbarn die Polizei: Sie glaubten, einer gefährlichen Sekte auf die Schliche gekommen zu sein. Das kommt heute nicht mehr vor. Doch ganz akzeptiert ist Christie immer noch nicht. Obwohl der Mann aus Buffalo längst einen französischen Paß besitzt und am Pariser Konservatorium unterrichtet, halten ihn die amtlichen Geldverteiler am kurzen Zügel. Es ist kein Geheimnis, daß Pierre Boulez von den Originalinstrumentalisten wenig hält, und seine Stimme hat in den Ministerien Gewicht. Händels Opernproduktionen überwältigten die Zuschauer durch Dekorationen und Effekte. Die kann sich Christie nicht leisten. Sein Regisseur Robert Carsen hat aus der Not eine Tugend gemacht. Er präsentiert Alcinas Zauberreich als nackten, klassizistischen Raum, der von Zeit zu Zeit Ausblicke auf einen gepflegten Park gestattet. Die Akteure treten in modernen Kostümen auf, Alcina im eleganten Abendkleid, Ruggiero und Bradamante im dunklen Anzug.

Die Musik hat also die ganze Bürde der Überzeugungskraft zu tragen. Renée Flemings Alcina kann es zwar mit den Trillern und Rouladen nicht aufnehmen, mit denen einst Joan Sutherland die Titelrolle verzierte. Dafür berückt sie das Ohr in den lyrischen Passagen. Auch Susan Graham in der Kastratenpartie des Ruggiero und Kathleen Kuhlmann als der verkleidete Bradamante bieten Leistungen auf hohem Niveau. Doch können auch sie nicht verhindern, daß unsere Gedanken im Laufe des vierstündigen Abends gelegentlich abschweifen. Im Programmheft wehrt sich Christie gegen das "romantische" Vorurteil, das Händels statische Opern mit ihren endlosen Da-Capo-Arien als langweilige Oratorien abtut. Und er scheint das Publikum auf seiner Seite zu haben. Bei der Uraufführung des "Messias" in Dublin war der Andrang so groß, daß die Damen gebeten wurden, ihre Krinolinen zu Hause zu lassen. Eine solche Vorsichtsmaßnahme ist heute nicht mehr nötig. Auch ohne Krinolinen ist die "große Boutique" voll.

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