Kultur : Und ewig lockt der Leib

RETROSPEKTIVE Marilyn Monroe, Brigitte Bardot und Co. sind die Traumfrauen der fünfziger Jahre

Christian Schröder

Es war das Goldene Zeitalter der Kinoküsse. Auf diesen Moment liefen die meisten Komödien, Romanzen, Melodramen der fünfziger Jahre hinaus: die Gesichter der Hauptdarsteller in Großaufnahme, gestammelte Bekenntnisse, bebende Lippen vereinen sich. „Ti amo, ti amo, ti amo“, stammelt Jean Marais, als er in „Le Notti Bianche“ (1957), Viscontis Dostojewski-Verfilmung , Maria Schell küsst. Im Musical „In all meinen Träumen bist du“ (1951) über den Aufstieg eines Broadway-Texters, kommen Danny Thomas und Doris Day einander auf einer Hinterbühne näher. Sie küssen sich, Scheinwerfer werden vorbeigeschoben, Thomas sucht nach einem Vers und seufzt: „Liebe und Mond, das ist mein Business.“ Doris Day – patent wie immer – zieht ihn zu sich herab: „Lass’ uns zum Business zurückkehren“. Und in „Der Sommer mit Monika“ (1952/53), einem hinreißenden Frühwerk von Ingmar Bergman, sitzt Harriet Andersson – sehr jung, sehr schön – nachts mit Lars Ekborg auf einer Bank und sagt: „Jetzt darfst du mich küssen.“

Maria Schell, Doris Day und Harriet Andersson sind drei von drei Dutzend „Traumfrauen“ im Kino der fünfziger Jahre, denen die Berlinale ihre Retrospektive widmet. Die weiblichen Stars der Vorkriegszeit – Greta Garbo, Marlene Dietrich oder Zarah Leander – waren in überirdische Sphären entrückte Luxus-Geschöpfe. Nun erschienen auf der Leinwand Frauen, die erkennbar aus Fleisch und Blut bestanden. Brigitte Bardot, mit Schmollmund und schulterlangen Haaren eine Inkarnation jugendlich unbekümmerter Sinnlichkeit, zeigt gleich in der Eingangssequenz von „Und Gott erschuf die Frau“ (1956) ihre nackte Rückenansicht. Hildegard Knef posiert in „Die Sünderin“ (1950) unbekleidet als Modell für einen Maler. Und Harriet Andersson, Bergmans Lolita, flieht, bald nachdem sie Lars Ekborg geküsst hat, mit ihm aus Stockholm, um ein paar Monate am Meer zu verbringen und nackt zu baden.

Damals sorgten derlei Szenen für handfeste Skandale, heute wirken sie harmlos. Knef, Andersson und Bardot, in den fünfziger Jahren am Beginn ihrer Karrieren, waren Vorbotinnen der Libertinage. In ihren Filmen spielten sie Frauen, die sich ihrer Attraktivität bewusst sind und ihre Macht über die Männer entdecken. Sie verkörperten eine Lebenslust, die sich in den Jahren des Krieges aufgestaut hatte. In Bardots Filmen artikuliert sich dieser Hedonismus in Sätzen wie „Ich möchte Spaß haben!“, „Lass uns tanzen gehen!“ oder „Ich will nach Paris, um etwas zu erleben!“ „Es geht um das Recht auf Abenteuer, um die Lust des sich Ausprobierens, um die Begierde nach erotischer Erfahrung“, schreibt Anke Leweke im Katalog zur Retrospektive. „Und das Schönste an diesem Lebensgefühl war, dass man nicht wie die Bardot aussehen musste, um daran teilzuhaben.“

Die fünfziger Jahre: ein Pop-Jahrzehnt. Unter der Oberfläche von Restauration und Keuschheit brodelte bereits die kommende Rebellion. Das Kino feierte Zuschauerrekorde, dann stieg das Fernsehen zum Massenmedium auf, am Ende des Jahrzehnts bröckelte das alte Studiosystem. Der Star, eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte und Träume der Zuschauer, war das Geschöpf der Studios gewesen. „All About Eve“ (1950), das Melodram von Joseph L. Mankiewicz, ist ein Abgesang auf die Diven der alten Schule, ein ins Theatermilieu verlegter Schlüsselfilm über Hollywood. „Eve, die neue Göttin, das Idol der Magazine, der Wunschtraum des kleinen Mannes“, raunt die Stimme des Erzählers über diese Eve, gespielt von Anne Baxter, die es mit ihren Intrigen ganz nach oben gebracht hat. „Man hat sie gezeichnet und fotografiert, man hat sie interviewt, man weiß, was sie isst, was sie anhat, wen sie kennt, wann sie kommt, wann sie geht. Alle wissen alles über Eve.“

Das ist natürlich pure Ironie, erst der weitere Verlauf des Films wird den Zuschauer über die Methoden von Eves Aufstieg aufklären. Sie hat sich bei einem Broadway-Star, Bette Davis, eingeschlichen, ihr eine Rolle weggeschnappt und sie in der Gunst des Publikums verdrängt. Bette Davis ist der eigentliche Star des Films, Hollywoods zickigste Diva spielt diese zickige Theater-Diva mit auf Halbmast hängenden Augenlidern und messerscharfem Mundwerk. Als Baxter ihr vorwirft, sie treibe ein „Katz-und Maus-Spiel“, schnappt sie zurück: „Sag lieber Ratte.“ „All About Eve“ zeigt, nach welchen knallharten Regeln das Showgeschäft funktioniert: Stars müssen jung und hübsch sein, gnadenlos werden die 40-Jährigen von 20-Jährigen abserviert.

Bette Davis gelang mit „All About Eve“ ein Comeback, in einer Nebenrolle ist Marilyn Monroe zu sehen: ein Starlet, das sich bei einer Party an einen Produzenten ranschmeißt. Ein paar Jahre später sollte sie der größte weibliche Star Hollywoods und der größte blonde Männertraum der westlichen Welt sein, „jedermanns Liebschaft mit Amerika“ (Norman Mailer). Die Retrospektive zeigt die bald als „Sexbombe“ gefeierte Schauspielerin in der Komödie „Blondinen bevorzugt“ (1952/53) auf der Höhe ihrer Kunst.

Gezeigt werden 44 Filme, neben Hollywood-Klassikern wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (mit Elizabeth Taylor) oder „Ein Herz und eine Krone“ (mit Audrey Hepburn) auch Produktionen aus Japan („Treibende Wolken“, mit Hideko Takamine) oder Ungarn („Karussell“, mit Mari Töröcsik). Es sind unterschiedliche Facetten von Weiblichkeit, die hier besichtigt werden können: neben der direkten Erotik einer Sophia Loren die prinzessinnenhafte Grazie einer Grace Kelly, die kühle Eleganz von Ingrid Bergman und die blonde Biestigkeit von Barbara Stanwyck.

Lange stand das Kino der fünfziger Jahre in keinem guten Ruf. Die Autorenfilmer verachteten es als Produkt einer hohlen Unterhaltungsindustrie. Mit Ausstellungen und Filmreihen zu Hardy Krüger, Ruth Leuwerik und – bis in den April – Hildegard Knef arbeitet das Berliner Filmmuseum an einer Revision dieses Bildes. Museumsdirektor Hans Helmut Prinzler, der mit der Retrospektive seinen Abschied nimmt, wuchs mit den Filmen der Wirtschaftswunderjahre auf. Mit den „Traumfrauen“ erfüllt er sich einen Wunsch. „Traumfrauen in den Fünfzigern konnten sein: Jungfrau, Femme fatale, Kameradin, Nymphe, Vamp“, schreibt er im Katalog. „Sie waren blond, brünett oder schwarz, sanft oder aggressiv, standhaft oder labil, energisch, eifersüchtig, verführerisch oder schüchtern, freundlich, brav. Sie verkörperten Hingabe, Leidenschaft, Opferbereitschaft, aber auch Eigensinn, Emanzipationswillen, Selbstbewusstsein. Sie konnten Männer um den Verstand bringen.“ Sie bringen einen vielleicht nicht mehr um den Verstand, aber Ava Gardner, Lauren Bacall, Lana Turner, Jane Russell und ihre Kolleginnen sind immer noch hinreißend. Tolle Frauen.

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