Kultur : Und jede Nacht in einem anderen Bett

Christina Tilmann

Es ist Sigmund Freud mehr als schwer gefallen, seine Wohnung in Wien zu verlassen, in der er 47 Jahre lang gelebt hatte: "All unsere Sachen sind nun unversehrt angekommen, die Stücke meiner Sammlung haben mehr Platz und machen viel mehr Eindruck als in Wien. Freilich ist die Sammlung jetzt todt, und fast ebenso todt ist der Eigentümer", schreibt er im September 1938 aus London an Margaret Stonborough-Wittgenstein. Nachdem er die "Reichsfluchtsteuer" und die "Judenvermögensabgabe" geleistet hatte, verließ der 80-Jährige am 4. Juni 1938 sein Domizil in der Berggasse 19, um sich ins Londoner Exil zu begeben. Wenige Tage zuvor hatte der Fotograf Edmund Engelmann die Räume dokumentarisch festgehalten.

Diese Fotografien, versammelt in einem Bildband, sind die Grundlage für ein umfassendes Erinnerungswerk, mit dem der 1953 in Brooklyn geborene Künstler Robert Longo dem von ihm bewunderten Psychoanalytiker ein Denkmal setzt. In bislang über 30 großformatigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen - zehn davon zeigt das Jüdische Museum Berlin in einer Sonderausstellung - hält er fotografisch genau Details aus Freuds Wohnung fest; ein nostalgisches Mementi mori. Die stark vergrößerten, leblosen Interieurs erhalten etwas Monströses, Unheimliches: Drei asiatische Statuen aus Freuds Sammlung, sein Kachelofen, Gewebeausschnitte aus der berühmten Couch und der Schreibtisch mit dem von Anna Freud mitentworfenen Schreibtischstuhl.

Es hätte kaum der Haustür mit Hakenkreuz-Emblem, der vergitterten Wohnungstür bedurft, um die Bedrohung dieser intimen Welt zu zeigen. Düster und unzugänglich präsentiert sich eine Lebenswelt, die realiter - wer die rekonstruierten Räume in Wien besucht hat, weiß es - so viel heimeliger, verwinkelter, menschlicher war. Auch ihr Bewohner war in Wirklichkeit selten so streng, von dunklen Gedanken bedrückt, wie ihn manche Äußerungen aus dem Londoner Exil erscheinen lassen. Eine Sammlung von Reisebriefen, gerade im Aufbau-Verlag erschienen, zeigt ihn als stets genussfrohen, zu Scherzen aufgelegten Reisegefährten, begeisterten Kulturforscher und - natürlich - glänzenden Stilisten.

London allerdings, Ort des späteren Exils, kommt auch in den Reisebriefen nicht gut weg. 1908 hatte Freud erstmals eine Woche lang England erkundet, zu Fuß Museen und Parks erforscht und dabei - mehr als unter dem Wetter - vor allem unter dem Alleinsein gelitten. Als passionierter Reisender, der selten ohne Gesellschaft unterwegs war, vermisst er offensichtlich den Austausch mit seinen Freunden: "Die Einsamkeit im Getümmel ist unerträglich. Ich würde, so behaglich ich hier untergebracht bin, lieber heute als morgen abreisen", schreibt er.

Seit 1895 fuhr Freud jedes Jahr im Herbst einige Wochen durch Italien. Zumeist begleitet von seinem jüngeren Bruder Alexander oder der Schwägerin Minna, die mehr als seine eigene Frau Martha Unternehmenslust und Durchhaltevermögen zeigte - wenn sie auch seinem Tatendrang nicht ganz zu folgen vermochte. Sein Schüler Hans Sachs berichtet, dass "die Begleiter auf seinen Reisen ... klagten, daß er sie übermüde".

Ansonsten scheinen die beiden es sich aber gutgehen zu lassen. Man scherzt, genießt, fordert sich gegenseitig immer weiter heraus und lebt "wie Studenten und Touristen" - so nennt es Freud. Und er kommentiert, die Schwägerin sei "sehr fesch". Minna dazu: "Ich paradiere endlich im Flanellkleid und sämtlichen Schmückern, und Sigi findet mich natürlich immer hochelegant, ob auch die anderen, weiß ich nicht, aber man wird unterwegs ganz gleichgiltig dagegen." Ob die ausgelassene Reisegemeinschaft, mit täglichen gemeinsamen Briefen an Ehefrau und Schwester Martha belegt, nicht doch mehr gewesen ist? C. G. Jung hat es vermutet, Peter Swales zu belegen versucht.

Was man aber nach der Lektüre sicher weiß, ist, dass Freud das Leben auf Reisen genossen hat. Gutes Essen, guter Wein, Museen, Kirchen, Altertümer - Freud ist unersättlich, absolviert nach straffem Tagesplan Vormittags- und Nachmittagsprogramm. Ganz der Bildungsbürger, zitiert er hier Goethe, dort Mozarts Figaro, und jagt von einem kulturellen Highlight zum nächsten. Da mag das Wetter noch so schön sein: "Was uns noch aufrecht erhalten hat, war das bißchen ernste Pflicht, mit dem Baedeker in der Hand neue Gegenden, Museen, Paläste, Ruinen zu verifizieren ..."

Manches, was der Psychoanalytiker auf Urlaub findet, kann er fachlich verwerten: Der Moses des Michelangelo in Rom, der Leonardo, die Gradiva im Vatikan inspirieren ihn zu seinen schönsten, kühnsten Deutungen. Auch die berühmt gewordene Fehlleistung des Vergessens von Namen erörtert er anhand von Luca Signorelli und der sizilianischen Stadt Castelvetrano. Vor allem aber gibt das Reisen Freud die Gelegenheit, eigene Komplexe zu analysieren und zu bekämpfen: In der "Traumdeutung" berichtet er von einer Reihe von Rom-Fantasien und setzt sich in Verbindung zum jungen Hannibal, dem es nicht beschieden war, Rom einzunehmen. Wirkungsvoller aber bekämpft er das Trauma seiner Jugend: Die Armut. "Ich trage täglich eine Gardenia und spiele den reichen Mann, der seinen Passionen lebt."

Die Rückkehr nach Wien ist immer beides: Ersehnte Heimkehr zu den Lieben und Rückkehr in ein goldenes Gefängnis. Sein Verhältnis zu der Stadt war gespalten: Schon als 16-jähriger hatte Freud seinem Freund Emil Fluß gestanden: "Wien ist mir ekelhaft." Der "Mißmut des Wienertums" führt zu der Erkenntnis: "Diese Stadt macht die Seele wund." Und doch: Reisen und Emigrieren sind zwei Paar Schuhe. Am Tag seiner Ankunft in London schreibt der Emigrant: "Das Triumphgefühl der Befreiung vermengt sich zu stark mit der Trauer, denn man hat das Gefängis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt." Von dieser Trauer zeugen in Berlin jetzt auch Longos Bilder. Freuds Briefe hingegen zeigen den Gelehrten von einer bislang unbekannten, wunderbar heiteren Seite. Für die nächste Italienreise gehören sie ins Gepäck.

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