Kultur : Und jetzt nach Italien!

Martin Schwickert

Auch in den USA gibt es eine Toskana-Fraktion, die vom einfachen Leben unter italienischer Sonne, von gutem Essen und ungestraftem Nikotingenuss träumt. Aus der transatlantischen Distanz betrachtet, ist Italien ein Hort der Ursprünglichkeit, auf dessen historischem Boden alle Fesseln der Modernisierung abgeworfen werden und gestresste US-Großstädter zu sich selbst finden können. Nach einer hässlichen Scheidung ist Frances ( Diane Lane , Foto) in Unter der Sonne der Toscana reif für die Toskana-Therapie. Eine Freundin schiebt ihr das Flugticket über den Tisch, und wenig später tuckert die kriselnde Schriftstellerin mit einer schwulen Reisegruppe durch die sanften Hügel Norditaliens. Einer plötzlichen Eingebung folgend, erwirbt sie eine baufällige Villa – und mit der Rekonstruktion des Hauses beginnt der langsame Wiederaufbau der angeschlagenen Psyche. Im Nu ist die stille Amerikanerin umringt von einer Schar illustrer Einheimischer: Da ist der graumelierte Immobilienmakler mit schönen Augen und weitem Herzen, da ist das Großmütterchen mit Internet-Erfahrung, da ist die Ex-Diva, die mit Fellini-Zitaten um sich wirft – und eine Gruppe kauziger polnischer Schwarzarbeiter, die die Renovierung des Hauses in Angriff nimmt.

Maurer, Makler und Nachbarn werden für Frances schnell zur großen Ersatzfamilie. Im Garten versammelt man sich um Esstische, deren Ästhetik Serviervorschlägen aus italienischen Kochbüchern entnommen scheint. Erst wird das geknickte Herz durch südländische Gastfreundschaft wieder hergestellt, und schon läuft Frances in Rom geradewegs einem glutäugigen Ragazzo in die Arme, der – beischlafwillig, wie italienische Männer nun einmal sind – nun gefühlvoll an ihrer sexuellen Wiedererweckung arbeitet. Dass daraus keine Allianz fürs Leben wird: auch diese Lektion lernt Frances in diesem Dolce-Vita-Kurs für Anfängerinnen.

Einem Film wie „Unter der Sonne der Toskana“ Klischeelastigkeit vorzuwerfen, ist, als wollte man sich über den Fettgehalt einer Speckschwarte beschweren. Regisseurin Audrey Wells will in jeder Minute eine heile Welt erschaffen, deren Heldin einen vorhersehbaren Genesungsprozess durchläuft. Alles ist mit wohligen Terracotta-Farben und güldenem Kunstlicht ausgekleidet. Die Blätter der Olivenbäume korrespondieren mit Diane Lanes sonnengebräuntem Teint. Frisch ausstaffiert laufen die Statisten durch die Straßen – und da hängt doch tatsächlich kein Preisschild mehr an der gut gebügelten Garderobe? Nichts bleibt dem Zufall überlassen in diesem Feel-Better-Movie für die etwas reifere Jugend, das seine Carpe-Diem-Botschaft mit aggressivem Perfektionismus vorträgt (Cinemaxx Potsdamer Platz & Colosseum, Cinestar SonyCenter, Kosmos, Kulturbrauerei, Titania, Zoo Palast. Foto: Buena Vista).

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