Kultur : Und kein Messias kommt

ISABEL HERZFELD

"Sehr wichtig" sei es, daß dieses Werk jetzt in Deutschland aufgeführt werde, meint die Intendantin der New Israeli Opera Tel Aviv nach der Premiere. Die Chemnitzer Inszenierung des biblischen Dramas "Der Weg der Verheißung" von Kurt Weill wird ab April 2000, im Rahmen der weltweiten Feiern des 100. Geburts- und 50. Todestages, in Israel gezeigt werden. Ihre weiteren Coproduzenten, die Brooklyn Academy of Music und die Oper Krakau, können nur eine Aufführung in New York ermöglichen; dafür wird sie die Expo 2000 in Hannover schmücken.

Natürlich ist Deutschland seinem verlorenen Sohn, 1933 von den Nazis ins US-Exil vertrieben, die Aufführung dieses Monumentalwerkes, das ausgerechnet die Verfolgung des Judentums, Fragen von Schuld, Widerstand und Versöhnung zum Thema hat, geradezu schuldig, politisch und moralisch gewiß. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Schirmherr dieser überaus aufwendigen Produktion, beschwor bei diesem Auftakt zur großen Jubelfeier einmal mehr den Brückenschlag zwischen den Völkern, Religionen und Generationen. Doch ist dieses Werk künstlerisch wirklich noch zu retten? Schon als der Zionist Meyer-Weisgal Max Reinhardt, Franz Werfel und Kurt Weill als Erfolgsteam für das 1937 im extra umgebauten Manhattan Opera House uraufgeführte Spektakel zusammenspannte, um Geld für die exilierten Juden aufzutreiben, stand es im Konflikt zwischen universellem Kunstanspruch und kommerziell verwertbarer Massenwirksamkeit.

Das ist in Chemnitz kaum anders. Was teuer produziert um die Welt gehen, überall verstanden werden soll, kann keine ästhetischen Risiken eingehen. Zudem war die Lizenz der Kurt-Weill-Foundation New York zu erlangen, und die wacht nun mal über "authentische" Wiedergaben, ohne spinnerte Regieeinfälle. So bemüht sich der Hausherr Michael Heinicke, ein Zögling Harry Kupfers, vor allem um sorgfältige, detailgetreue Wiedergabe, und das läßt sich zunächst gar nicht mal schlecht an.

Gerhardt Müller hat Werfels Libretto behutsam aktualisiert, die Dialoge diskussionsscharf gewürzt. In einer Synagoge suchen jüdische Bürger Zuflucht vor den draußen tobenden Pogromen; der Rabbi tröstet sie mit den großen biblischen Geschichten. Das wird heftig debattiert: Warum müssen wir so leiden? Sind wir selbst schuld an unserem Unglück, weil wir den Bund mit Gott gebrochen haben? Oder ist auf Gott gar kein Verlaß?

Gibt es ihn überhaupt? Der Gemeindevorsteher, der Ängstliche, der reiche, um fünf Häuser besorgte Kaufmann, der junge Mann mit seiner konvertierten Frau - das sind plastische Gestalten, typisch für damalige Positionen und auch für heutiges jüdisches Leben. Unter ihnen der "Widersprecher", dem Dieter Montag vom Deutschen Theater Berlin vergnüglich-zynischen Realismus einhaucht. Wo er auftritt, ist Theaterleben mit aktuellem Bezug; ohne seine bissig distanzierenden Kommentare stellen sich Peinlichkeit und Kitsch ein.

So sind die Geschichten von Abraham (Theo Adam) oder Moses (Matteo de Monti) auf erhöhtem Guckkastenpodest, in David Sharirs blau-goldenem, symbolbeladen-verschnörkeltem Ambiente, zunächst noch akzeptabel, bei allen blitzumwitterten Schlachtmessern, brennenden Büschen und Bergen. Doch spätestens beim schwülstig-verklemmten Tanz ums Goldene Kalb sehnt man sich nach Schönbergs "Moses und Aron", wirkt der ehebrechende König David (Edward Randall) lächerlich, wird Jeremiah (Boris Statsenko) zum haareraufenden, unverständlich radebrechenden Kretin. Nichts gegen die musikalischen Leistungen. Weills Musik sorgt als einfallsreiche Mischung von Songstil, jüdischem Synagogalgesang, großer Oper von Meyerbeer bis Verdi und Oratorienpolyphonie für interessante Brechungen. Vor allem die großen Chöre entfalten dramatische Wucht.

John Mauceri führt Orchester und Chor der Oper, verstärkt durch den Opernchor Krakau, den Leipziger Synagogalchor, Extra- und Kinderchor mit eindrucksvoller Sicherheit. Als CD-Einspielung dürfte das ein Ohrenschmaus sein. Daß Weill und Werfel selbst die Lobpreisung des Messias als Illusion entlarven, mit der Zerstörung des Tempels und dem Einbrechen der Schergen in die Synagoge enden, die Hoffnung in den Traum überführen, hätte eine Warnung vor naturalistischer Umsetzung sein sollen. Die Verheißung gibt es auch für dieses Werk nicht; Wege zu ihr müssen noch gesucht werden.

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