Kultur : Und Kevin geht zum Regenbogen

Martin Schwickert

Wenn die alleinerziehenden Mütter die neuen Heldinnen des amerikanischen Kinos sind, dann ist die Figur des leidenden Witwers der aktuelle männliche Gegenpart. Gerade erst reiste Guy Pearce in "Time Machine" auf der Suche nach der verstorbenen Verlobten durch Vergangenheit und Zukunft. Demnächst begibt sich Richard Gere in "The Mothman Prophecies" nach dem plötzlichen Tod der Gattin auf übernatürliche Recherche, ebenso wie es Kevin Costner nun "Im Zeichen der Libelle" tut. "Womanizer" als Trost suchende Trauerklöße - das ist das neue Konzept, mit dem Hollywood die Zielgruppe Weiblich / Ledig / Nicht mehr ganz so Jung ins Visier nimmt.

Kevin Costner hatte als flaschenpostwerfender Hinterbliebener schon in "Message in a Bottle" die Frauenherzen erweicht - und gleichzeitig sein Scheidungstrauma geschickt vermarktet. Jetzt ist Kevin wieder allein zu Hause. Diesmal als Notfallmediziner Dr. Joe Darrow. Frau Doktor ist bei einem humanitären Einsatz im venezuelanischen Dschungel verunglückt, ohne dass ihre Leiche je geborgen werden konnte. Darrow kommt über den Verlust nicht hinweg und flüchtet sich in seine Arbeit. "Ihr wart das perfekte Paar", sagt ein Freund in bester Absicht, "sie hatte das Herz und du das Hirn".

Aber was macht ein Hirn ohne Herz? Es beginnt zu fantasieren. Darrow erhält Zeichen aus dem Jenseits. Mit ein paar Libellen - dem Lieblingsinsekt der Verstorbenen - fängt es an. Auf der Kinderkrebsstation - dem ehemaligen Arbeitsplatz der geliebten Gattin - geht es weiter. Junge Patienten, die dem Tod noch einmal von der Schippe springen konnten, berichten von jenseitigen Kontakten zu Joes Frau und malen Regenbögen und kryptische Kruzifix-Zeichen auf Papier. Nachts schleicht Darrow durch die Krankenhausflure und sammelt wie ein Getriebener die Informationen der aus dem Koma erwachten jungen "Near-Death"-Klienten ein. Die Zeichen führen Joe zwar nicht direkt ins Jenseits, aber immerhin zu einem Indianerstamm in Venezuela.

Was wird Dr. Darrow im malerischen Land des Regenbogens finden? Wir wissen es und dürfen es nicht verraten. Nur soviel: Das Publikum dürfte Costners Fund allerdings kaum begeistern. Denn "Im Zeichen der Libelle" kommt ein bisschen wie die Malen-nach-Zahlen-Version von "The Sixth Sense" daher. Regisseur Tom Shadyac, der sich mit Werken wie "Der verrückte Professor" oder "Patch Adams" bisher als wenig bereichernd für die Filmgeschichte erwiesen hat, zeigt diesmal nicht das geringste Gespür für so etwas wie subtile Schauereffekte. Er verlässt sich vielmehr auf seinen Spiritisten-Plot und trägt mit dem Eifer eines Kommunionsschülers den christlich unterminierten Subtext vor.

Anfangs sammelt Kevin Costner mit effektvoll drapierten Augenringen im seglerbraunen Gesicht noch Mitleidspunkte, verrennt sich dann aber als manisch Suchender in zügelloses overacting. Einziger Lichtblick: Kathy Bates, die als verwitwete, lesbische Nachbarin ebenso tapfer wie vergeblich versucht, den ganzen aufgeregten Hokuspokus zu erden.

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