Kultur : Und Madonna haucht: "geil"

PETER HERBSTREUTH

"Kunst", rief der Leiter des Berliner DAAD-Kunstprogramms, Friedrich Meschede, bei der Eröffnungsrede in der Galerie Aedes zur Präsentation von zwei architekturbezogenen Werken, "interessannte Kunst ist doch das, was außer Kontrolle gerät.Sie schafft mit jedem stimulierenden Grenzfall den Präzendenzfall, die Ausnahme von der Regel." Da wurde es still.Wenn die Autonomie der Kunst im Zusammenhang von Kunst-am-Bau-Projekten verfochten wird, ist Gefahr im Verzug.Manche witterten schon Skandal.Denn es kommt selten vor, daß ein Eröffnungsredner die Ausstellung, die zu preisen er beauftragt ist, verreißt.

"Kunst-am-Bau klingt wie Bier-vom-Faß", spottete Meschede.Allein der Bildhauer Ulrich Rückriem gehöre - mit wenigen Gleichgesinnten - zu den Ausnahmen.Er verweigere sich Wettbewerben und nähme nur Direktaufträge an, die im Dialog mit den Auftraggebern eben jene Ausnahmen im Auge hätten, die "an einengenden Vorgaben vorbei" Präzedenzfälle möglich machen.Mit dieser flammenden Rede für den Vorbildcharakter und das maßlose Maß der Kunst trat Meschede einen Schritt zur Seite.

Aus den beiden ausgestellten Kunst-am-Bau-Projekten läßt sich nicht schlußfolgern, die Künstler seien unter ihr Niveau gegangen.Sie haben vielmehr ihr Bestes gegeben.Ihre Arbeiten integrieren sich in die architektonischen Vorgaben.Daß man dafür den Begriff "kunstbaukunst" kreierte, wäre nicht nötig gewesen, weil sowohl die Schule des Architekturbüros Léon-Wohlhage-Wernik in Köpenick, als auch das Bürohaus des Architekten Jörg Pampe in Tiergarten weder Museen noch Hunderwasserhäuser geworden sind.Kunst ist ein kleines, wenn auch besonderes Detail in diesen Gebäuden.Die Architekten setzten die Maßstäbe.Den Künstlern blieb die Alternative zwischen Zutat und Stimulans.

Jörg Pampe zentrierte seinen blaugefärbten Betonbau um ein siebengeschossiges Atrium und bedurfte einer leicht abweichenden Gegenbewegung, um den Lichtraum zu betonen.Der Künstler Rolf Lieberknecht antwortete mit einer klug gestalteten Wasserskulptur.Sie kann es mit der Atriumshöhe aufnehmen und kontrastiert die beherrschenden rechten Winkel mit einem wasserüberströmten tonnenschweren Ei aus Granit.Fast kippt es vom Sockel, erzeugt Blickdynamik und die Vorstellung gefaßter Instabilität.

In Köpenick ließ die Künstlerin Ulrike Böhme an beiläufigen Stellen, wie Treppe, Flur und Foyer, kleine Fenster in Wänden aussparen und Videomonitore einsetzen.Die Schüler sehen kleine Filme zum Thema "Sehnsucht", hören Vogelzwitschern, Wasser plätschern oder die Rockdiva Madonna die Vokabel "geil" sagen.Sie können auch selbst Filme herstellen.Die Rückwand der bewegten Bilder verschloß Böhme mit einer Kappe, die die rechtwinklige Fugenlinie des Architekten aufnimmt und ihr mit einem Trapezoid in jeder Hinsicht widerspricht.Das ist das Emblem integrierter Kunst.Dezent und beiläufig, erst auf den zweiten Blick als Abweichung wahrzunehmen, läßt sie sich alles in allem unter der Rubrik "Kleine Fluchten" abhandeln.Dafür das gewaltige Wort "kunstbaukunst" zu verwenden, ist wohl eine Designeridee.Davon abgesehen, erinnert die Ausstellung daran, daß es einer außergewöhnlichen Anstrengung bedarf, um die visuelle Leistung vor Ort im Galerieraum darzustellen; hier ist sie mißlungen.Zum Glück gibt es zwei schöne Kataloge.

Galerie Aedes West, S-Bahnbogen 600 am Savignyplatz, bis 13.Mai, täglich 11 bis 20 Uhr.Zwei Kataloge, jeweils 20 Mark.

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